here you get the German translation of Ueda Akinari °» The Blue Hood°» (part 1 of 3)


Die blaue Kapuze (1/3)

Die blaue Kapuze (2/3)

Einst lebte ein Moench von grosser Tugend, den man den Zen-Meister Kai°«an nannte. Er hatte schon in frueher Jugend ?die besondere Ueberlieferung ausserhalb der Schriften°» erfasst und pilgerte durch das Land.
Nachdem er die Sommeruebungen im Tempel Ryutai-ji, in der Provinz Mino, beendet hatte, wanderte er im Herbst nach Norden und kam schliesslich in die Provinz Shimotsuke. Die Sonne war schon untergegangen, als er sich in Tomita einem groesseren, offenbar begueterten Bauernhaus naeherte.

Er wollte gerade um die Gastfreundschaft bitten, hier uebernachten zu duerfen, da schrieen die von der Feldarbeit zurückkommenden Knechte beim Anblick dieses Moenches, der im Halbdunkel der Daemmerung dastand, unter allen Anzeichen grosser Furcht: ?Der Daemon vom Berg ist wieder da! Lauft alle weg! Schnell!°»
Im Inneren des Hauses entstand Unruhe. Frauen und Kinder begannen zu weinen und zu schreien, und sie versteckten sich in allen Ecken, in panischer Angst uebereinander stolpernd. Der Hausherr ergriff einen Bergstock, lief hinaus und sah einen alten Moench von etwa fuenfzig Jahren, mit einer blau gefaerbten Kapuze auf dem Kopf, in einer schwarzen, arg zerrissenen Kutte und mit einer Haube auf den Schultern.
Der winkte mit seinem Stock und rief: ?Wozu denn soviel Vorsicht, Herr? Ich wollte gerade um Gastfreundschaft bitten für eine Nacht, und nun werde ich, hoechst unerwartet, verdaechtigt. Fuerchtet nichts von einem schwachen Moench wie mir! Zu Raeubereien ist der gar nicht imstande!°»

Da warf der Herr seinen Bergstock weg und lachte, indem er sich in die Haende schlug. ?Weil sich meine Knechte irrten, habe ich einen Moench erschreckt, der mich um Gastfreundschaft bittet! Ich will mich mit der Opfergabe einer Uebernachtung entschuldigen.°»
Er fuehrte Ihn ehrerbietig ins Innere des Hauses, bewirtete ihn und sagte dann: ?Wenn meine Knechte eben bei Eurem Anblick erschrocken aufgeschrieen haben, der Daemon vom Berg sei wieder erschienen, so gibt es hierfür einen Grund. Es ist eine hoechst seltsame Geschichte. So wenig glaubwuerdig sie auch erscheinen mag, wuerde ich mich freuen, wenn Ihr sie anderen Menschen weitererzaehltet.
Auf dem Berg ueber dem Dorf liegt ein Kloster. Es war einst der Familientempel des Toyama-Clans, und dort lebten Generationen tugendreicher Moenche. Der augenblickliche Abt, Neffe eines wohlbekannten Meisters, war wegen seiner gruendlichen Gelehrsamkeit und strengen Froemmigkeit weithin hochangesehen. Die Leute hier opferten ihm Weihrauch und Kerzen und schenkten ihm ihr ganzes Vertrauen. Er hat mich oft besucht, und wir waren eng befreundet; aber im Fruehjahr des letzten Jahres blieb er ? als Meister der Moenchsdisziplin zu einer Taufzeremonie in den Norden gerufen ? laenger als hundert Tage fort und kam dann in Begleitung eines etwa zwoelfjaehrigen Novizen zurück, den er in seine persoenlichen Dienste nahm. In dessen edles und schoenes Aussehen verliebt, neigte er unversehens dazu, die buddhistischen Uebungen zu vernachlaessigen, die er so eifrig seit Jahren betrieben hatte.
Da erkrankte der Junge ploetzlich im vierten Monat. Der Abt, aufs hoechste besorgt, weil er sich dessen Zustand von Tag zu Tag verschlechterte, rief die beruehmtesten Amtsaerzte, doch alle seine Bemuehungen halfen nichts, und der Novize starb. Dem Abt war zumute, als haette er ein unverzichtbares Kleinod verloren, als waehren die zum Schmuck ins Haar gesteckten Blueten vom Sturmwind in alle Richtungen zerstreut worden. Er besaß keine Traenen mehr, um zu weinen, und keine Stimme mehr, um zu schreien. Im Uebermaß seines Schmerzes verbrachte er, ohne den Toten einzuaeschern und zu begraben, die Tage, indem er sein Gesicht an das des Jungen schmiegte und seine Haende festhielt. Schließlich wurde sein Geist umnachtet. Immer noch zaertlich mit dem Toten spielend, wie in den Tagen, als jener noch am Leben war, saugte und leckte er, aus Verzweiflung darueber, dass dessen Koerper in Faeulnis ueberging, an dessen Fleisch und Knochen und verzehrte schließlich den Leichnam.
Nachdem die Moenche des Klosters, entsetzt darueber, dass ihr Abt ein Daemon geworden war, das Weite gesucht hatten, stieg jener Nacht fuehr Nacht ins Dorf herab und verbreitete Angst und Schrecken; er schaendete die frischen Graeber und verspeiste die entseelten Koerper.
Aus alten Erzaehlungen weiss ich einiges über Daemonen, doch hatte ich einen wirklichen Daemon nie zu Gesicht bekommen. Mit welchen Mitteln koennte man ihn unterwerfen? Bei Anbruch der Nacht verbarrikadierten sich die Familien des Dorfes, die Geschichte sprach sich ueberall herum, keiner wagte sich recht zu bewegen. So kam es, dass man sich Euch gegenüber, der Ihr als Moench um Gastfreundschaft bitten wolltet, derart verhielt.°»

Kai°«an hoerte aufmerksam zu und meinte dann: ?Es geschehen wunderliche Dinge in dieser Welt. Im allgemeinen enden diejenigen, die, obschon als Menschen geboren, nichts von der umfassenden Lehre Buddhas und der Bodhisattvas wissen, ihr Leben in Dunkelheit und Starrsinn. Sie sind durch die in ihrer frueheren Existenz begangenen Missetaten, die Liebesleidenschaften oder Bosheit entsprangen, gefesselt. Bald stillen sie ihren Groll dadurch, dass sie in Ihrer urspruenglichen Tiergestalt erscheinen, bald bringen sie, in Daemonen verwandelt, als Schlangen furchtbares Unheil über die Menschen. Von alter Zeit bis auf den heutigen Tag gibt es hierfür zahllose Beispiele.

(letters from a friend in Germany)