... Kapitel 2 ....... Inhaltsverzeichnis ...


1. An dich, dem die Augen der anderen keine Ruhe lassen

Du kannst nicht einen einzigen Furz mit deinem Nächsten austauschen. Jeder einzelne von uns muss sein eigenes Leben leben. Dabei brauchen wir uns keine Gedanken darüber zu machen, wer von uns der Fähigste ist.

Die Augen sagen nicht: "Unsere Stellung ist zwar niedriger, doch wir leisten mehr."
Die Augenbrauen erwidern nicht: "Wir leisten zwar nichts, dafür ist unsere Stellung höher als eure."
Den Buddhadharma zu leben, bedeutet volle Aktivität im Unwissen: Der Berg denkt nicht, dass er hoch ist. Das Meer denkt nicht, dass es weit und tief ist. Alles entfaltet seine volle Aktivität im Universum.
"Das Lied des Vogels, das Lachen der Blume entfalten sich von selbst, ganz unabhängig vom Menschen, der am Fuß des Felsens in Zazen sitzt."
Der Vogel singt nicht, um den Menschen in Zazen mit seinem Lied zu beehren. Die Blume blüht nicht, um vom Menschen für ihre Schönheit bewundert zu werden. Genauso sitzt auch ein Mensch nicht in Zazen, um "Satori" zu bekommen.
Jeder einzelne von uns verwirklicht sich einfach selbst durch sich selbst zu sich selbst.

Religion bedeutet, das eigene Leben völlig frisch und neu zu leben, ohne sich von irgendetwas an der Leine herumführen zu lassen.

Oi, was glotzt du in die Gegend! Merkst du nicht, dass es um dich geht?

Das Arschloch braucht sich nicht dafür zu schämen, das Arschloch zu sein. Die Füße haben keinen Grund, in den Streik zu treten, nur weil sie bloß Füße sind. Der Kopf ist nicht der Allerwichtigste. Und der Nabel braucht sich nicht einzubilden, der Vater aller Dinge zu sein.
Es ist komisch, dass die Leute den Herrn Premierminister für etwas ganz besonders Wichtiges halten.
Die Nase kann die Augen nicht ersetzen. Der Mund kann die Ohren nicht ersetzen. Alles hat seine eigene Identität, die unübertrefflich ist im ganzen Universum.

Alles Lebendige lebt seine eigene, unübertreffliche Identität. Jeder kann nur sein eigenes Leben leben. Wie kommt es, dass alle das aus den Augen verloren haben?
In unserer Gesellschaft fehlt es an richtigen Beispielen: Der sogenannte "gesunde Menschenverstand", das "Gesellschaftsbewusstsein", der Fraktionalismus - alles nur schlechte Beispiele.

Die Konfuzianisten sagten während der Tokugawa-Zeit (von 1600 bis 1868): "Der Shakyamuni war ein eingebildeter Kerl! Er redete von seiner Identität, die unübertrefflich sei im gesamten Kosmos."
Missverständins: Nicht nur Shakyamuni verfügt über eine Identität, die unübertrefflich im gesamten Kosmos ist. Jeder einzelne verfügt über seine eigene unübertreffliche Identität. Wir beklagen uns über sie, während wir sie mit uns verumtragen.
Die eigene Identität, die unübertrefflich im gesamten Universum ist, in sich selbst zur Erscheinung zu bringen, bedeutet den Buddhaweg zu praktizieren.

Hör auf zu heulen! Ganz kleinmütig klagst du darüber, was für ein langweiliger Kerl du seist, während alle anderen so viel besser seien als du. Und kaum geht es dir dann ein bisschen besser, schlägst du schon wieder über die Stränge.

Ein religiöses Leben zu führen bedeutet, genau auf sich selbst zu reflektieren und sich selbst zu zensieren.
Manche machen ein Gesicht, als ob das alles mit ihnen nichts zu tun hätte.

Wer sich nicht selbst verleugnen kann, verfügt werder über Glauben noch über Reue.

In letzter Zeit heißt es jedesmal, wenn die Rowdys Probleme machen, dass das "Millieu" daran Schuld sei. Doch was für ein Millieu ist gut, was für eins ist schlecht? Ist es schlecht, in reichen Verhältnissen geboren zu werden? Ist es besser, arm geboren zu werden?
Ein schlechtes Millieu bedeutet, dass einer, der als Mensch zur Welt kommt, über keine eigene Identität verfügt.

Wir müssen uns davor hüten, uns auf unsere Eltern, den Familienstammkunft und unsere Herkunft zu berufen, so als ob uns das einen besonderen Wert verliehe. Wir dürfen uns auch nicht mit unserem Geld, unserer Stellung oder unserer Kleidung hervortun. Wir müssen uns selbst leben, nackt und ungespielt.
Religion bedeutet, das eigene Leben nackt und ungespielt zu leben.

Alles in der Welt versucht sich mit seinen Beziehungen und Besitztümern wichtig zu machen. Das ist so, als wollte man einer geschmacklosen Speise mit dem Teller Geschmack verleihen. Auf gleiche Weise hat die Welt den Menschen selbst aus den Augen verloren.

In der Religion gibt es keine kollektive Verantwortung: Es kommt nur auf dich selbst an.

Dem Normalbürger vergeht die Lust auf alles, wenn ihm keiner bei dem, was er tut, zuschaut. Wenn ihm dagegen jemand zuschaut, ist er selbst dazu bereit, ins brennende Feuer zu springen.
(Anmerkung: "Normalbürger" ist ein zentraler Begriff bei Sawaki Roshi, der auch als "gewöhnlicher Mensch" oder "Mensch, der in der Illusion steckt" übersetzt werden kann. Wenn Sawaki vom "Menschen" spricht, dann meist nicht im humanistischen Sinn als dem "Maß aller Dinge", sondern als einem Wesen, das "mit einem klugen Gesicht ratlos im Dunklen tappt". Jeder von uns ist ein Normalbürger, doch wir dürfen uns nicht auf unserem Normalbürgertum ausruhen.)

In der Welt werden Ehrenurkunden verliehen, doch was steckt schon dahinter?
Urkunden führen zu Scheinheiligkeit, die behauptet: "Ich will mich ja nicht selbst rühmen, aber..."

Die Welt sollte nicht soviel Wettbewerb um Sieg oder Niederlage veranstalten.
Ich bin ich. Da ist absolut kein Vergleich möglich.

Es fängt bereits mit dem Unterricht in der Schule an: Prüfungen halten, Punkte verteilen, die Menschen nach ihren Leistungen gruppieren und nummerieren... wie blödsinnig!
Was bedeutet "wichtig" und "unwichtig"? Ist es "wichtig", ein gutes Gedächtnis zu haben? Ist einer, der ein schlechtes Gedächtnis hat, ein schlechter Mensch? Gibt es nicht viele Idioten mit einem guten Gedächtnis?
Und die, die bei der Notenverteilung auf der untersten Stufe gelandet sind, verfluchen ihr Schicksal und verbringen den Rest ihres Lebens in Argwohn. Dabei ist dieser Argwohn ihr eigentliches Problem.

Freue dich nicht über die Noten, die andere dir geben. Stehe für dich selbst ein. Du freust dich und du ärgerst dich, wenn andere dich loben oder tadeln, dabei verstehst du dich noch nicht einmal selbst.

Ich habe noch niemals jemanden gelobt. Denn alle kennen ihre guten Seite selbst am Besten. Sogar noch besser, als sie eigentlich sind.

Die Kinder haben eine Maus gefangen: Jetzt zappelt sie in der Falle. Die Kinder haben ihren Spaß daran, zu beobachten, wie sie sich die Nase blutig reibt und den Schwanz zerreißt... Am Ende wird sie dann der Katze zum Fraß vorgeworfen.
Wenn ich an der Stelle der Maus in der Falle säße, würde ich mir sagen: "Ihr verdammten Menschen werdet keinen Spaß an mir haben!" - Und würde einfach in Zazen sitzen.

Buddha zu werden bedeutet, nicht in der Gegend herumzugaffen. Wenn du damit aufhörst, in die Gegend zu gaffen, kannst du endlich deine Mahlzeiten in Ruhe essen.

Den Buddhaweg zu praktizieren bedeutet, nicht in der Gegend herumzugaffen. Es bedeutet, eins mit der gegenwärtigen Aktivität zu sein. Das heißt: Samadhi.
Wir essen nicht, um zu scheißen. Wir scheißen nicht, um Dünger zu produzieren. Doch heutzutage scheint alles zu glauben, dass wir in die Schule gehen, um uns auf die Universität vorzubereiten, und an die Universität gehen, um einen Beruf zu bekommen.

Bodhigeist zu erwecken bedeutet, damit aufzuhören, in der Gegend herumzugaffen.
"Soll ich als Mönch leben? Oder soll ich das Mönchsleben doch lieber aufgeben?" - Wenn du mit diesem Herumgaffen aufhörst und dich fest dazu entschließt, "die schwere Last des Shobogenzo (Augenspeicher des wahren Dharmas) auf dich zu nehmen und an jedem Ort vollkommen gegenwärtig zu sein" (Daichi Zenjis Hotsuganmon), dann bedeutet das, Bodhigeist zu erwecken.

Diesen Leib dem Buddhaweg zu widmen ohne in der Gegend herumzugaffen, bedeutet, dass das "erhabene, große und wertvolle Leben sich vollkommen offenbart". Buddha ist einer, der nicht in der Gegend herumgafft.

Es gibt eigentlich überhaupt keinen Grund, in der Gegend herumzugaffen. Und dennoch scheint es seit unendlicher Vergangenheit unsere Angewohnheit zu sein, nach links und nach rechts zu schielen.

Erwachsene nehmen seltsame Angewohnheiten an: Sie machen selbst um ein einziges Wort großes Theater.
Versuch dagegen einmal, einen Säugling in Verlegenheit zu bringen - es wird dir nicht gelingen. Nur die Erwachsenen sind sich ihrer selbst bewusst und verfallen einer Hypnose, innerhalb der sie in Verlegenheit oder in Zorn geraten.
Wir sollten besser geradeaus gehen.

"Der eiserne Stier fürchtet das Brüllen des Löwen nicht."
Das ist klar, denn ihm Fehlen die Schwachstellen anderer Lebewesen.
"Ein Mann aus Holz ist wie ein Vogel oder eine Blume."
Genau, denn ihm fehlt die Schwäche des Bewusstseins von sich selbst.

Menschen schalten schnell: Sehen sie ein Gespenst, ergreifen sie sofort die Flucht. Haben sie eine Halluzination, ergreift sie gleich die Furcht.

Alles redet von der "Realität", dabei veranstalten sie doch nur ein großes Theater - und werden dabei von ihrer "Realität" an der Leine herumgeführt.

Es gibt Typen, die finden ihr ganzes Leben lang nicht zu ihrem eigenen Lebensweg.

Hör auf damit, dich im Dunklen voranzutasten. Gehe dort, wo du frei ausschreiten kannst. "Gehe nicht bei Nacht. Gehe in der Helligkeit." (Keitoku-Dentoroku 15) Dieses Koan drückt die Essenz der Religion aus.

Wohin du auch blickst, es gibt nur dich selbst. Es gibt nichts, das nicht du selbst wärest.
"Hilf mir mit meiner Faulheit! Nimm mir die Schmerzen ab!"
So funktioniert das nicht.

Samadhi bedeutet, du selbst und nur du selbst zu sein. Das ist der "Geist, der von selbst rein und klar ist".
Nur in Zazen kannst du du selbst und nur du selbst sein. Außerhalb von Zazen versuchst du ständig, besser als die anderen zu sein, mehr Spaß zu haben als die anderen.

Jeder einzelne von uns wird gemeinsam mit der Welt geboren und stirbt gemeinsam mit der Welt. Denn jeder trägt seine eigene, ganz persönliche Welt in sich selbst.


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