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10. An dich, der du mit Zazen anfangen willst

In der Welt gibt es alle möglichen Formen von Belohnung. Doch welche Belohnung könnte uns glücklicher machen als die, unseren Hintern auf's Kissen zu setzen und Zazen praktizieren zu dürfen?

Wem es bei dieser oder jener neuen Sekte besser passt, der soll es lieber da probieren.
Nur wer wirklich Zazen praktizieren will, soll es auch tun.
Was bringt uns Zazen? Zazen bringt uns überhaupt nichts! Dogen Zenji hat etwas gegen große Anhängerzahlen. Er vergleicht das mit "Froschlaich und Regenwürmern". Ein Drache, der allein ist, ist trotzdem ein Drache. Ein einziger Elefant ist nichts desto weniger ein Elefant. Deshalb nennt man Zenmönche auch Drachen und Elefanten.

Früher gab es einmal 500 Affen, die 500 buddhistischen Heiligen zu Diensten waren. Eines Tages beschlossen die Affen, den Heiligen alles nachzumachen: Sie praktizierten Zazen, mit dem selben Ausdruck in Augen, Nase, Mund und dem ganzen Körper. Es heißt, dass auf diese Weise tausend Heilige gemeinsam Zazen praktiziert und Satori verwirklicht haben.
Deshalb ist es mein Wunsch, das Saatgut des Zazen - selbst durch Nachahmung - zu bewahren.

Wenn du Zazen praktizierst, bist du vollkommen neu.

Wenn du Zen praktizierst, geht es um dich selbst, hier und jetzt. Zen darf nicht zu einem Gerücht, das mit dir nichts zu tun hat, werden.

Gleich neben der Zazen-Halle der Komazawa Universität befindet sich der Baseballplatz: Wenn du während Zazen den Cheer-Girls zuhörst, wie sie vor den Spielen ihre Anfeuerungsrufe einstudieren, verstehst du gut, wie sehr wir uns selbst vernachlässigen.

Zazen ist der Buddha, den wir aus unserem rohen Fleisch bilden.

Einfach Sitzen (Shikantaza) ist das Höchste, was wir aus dem rohen Fleisch eines Normalbürgers herausholen können.

Das chinesische Schriftzeichen für "Hüfte" besteht links aus dem Zeichen für "Fleisch" und rechts aus dem Zeichen für "das Wesentliche". In Zazen ist es wesentlich, dass zunächst die Hüften fest auf dem Kissen verankert sind.

In Zazen verankern wir die Hüften in der Erde und stoßen mit dem Scheitel in den Himmel.

Wenn Klänge der Freude, des Ärgers, der Trauer oder des Glücks an den Ort des Zazens dringen, schlagen die Wellen hoch, und das Zazen geht uns nicht in Fleisch und Blut über.

Wer sich in schlechter Gesellschaft befindet, der sucht in Zazen nach Stimulation für seine Reize. In Zazen müssen wir unsere Reize so wenig wie nur möglich stimulieren, und überhaupt nichts Besonderes praktizieren.

Wir können mit dem selben Körper, der einen Mittagsschlaf hält, auch Zazen praktizieren. Der Körper, der Zazen praktiziert, hält auch einen Mittagsschlaf.

Für einen ganzen Tag gemeinsam Zazen zu praktizieren ist eine außergewöhnliche Gelegenheit. Den ganzen Tag gemeinsam bei den Huren zu verbringen ist eine außergewöhnliche Dummheit.

Wenn du zu abend isst, um danach einzubrechen, isst du eine Einbrechermahlzeit. Wenn du isst, um zu den Huren zu gehen, isst du eine Hurenmahlzeit. Wenn du isst, um Zazen zu praktizieren, dann ist das die Mahlzeit des Buddhawegs.
Die Frage ist: Wofür essen wir?

Wenn wir hier in Antaiji die Futons (japanische Matratzen) auswechseln, und wenn die Bordellmutter in ihrem Laden die Futons auswechselt, dann bedeutet das etwas anderes. Der Bordellmutter geht es darum, Kunden zu ködern und Geld zu machen, uns geht es darum, dass sich die Menschen, die zum Zazen kommen, nicht erkälten.
Wer zum Zazen kommt, ist ein Buddha: Er schläft auf dem Futon eines Buddha.

Essen, um Zazen zu üben.
Schlafen, um Zazen zu üben
Das heißt, dass auch das Essen und Schlafen Teil von Zazen sind.

Wenn du glaubst, dass du mit Zazen deinen Lebensunterhalt verdienen musst, fängst du an zu sagen: "Arbeit ist auch Zen, Sitzen ist auch Zen" - und hörst auf, Zazen zu sitzen.
Wenn du dagegen sagst, dass du Zazen tun "musst", dann glaubst du, dass nur Zazen Zazen ist, und alles andere nichts mit Zazen zu tun hat.

Unsere Praxis ist keiner Gottheit außer Zazen geweiht. Zazen erlöst uns Normalbürger und leidende Wesen, in dem es unser rohes Fleisch umformt zu Zazen.

Zazen bedeutet von Leben und Tod umzuschalten auf den Buddhaweg. Deshalb heißt es im Shodoka: "Einen Schritt darüber hinausgehen gehen um direkt am Ort des Tathagata anzukommen".
Und im Shobogenzo Butsudo: "Zazen ist nicht der Dharma der vergänglichen Welt, es ist der Dharma von Buddhas und Patriarchen."

Über den Buddhadharma wird nur zwischen Buddha und Buddha gehandelt, nicht zwischen Buddha und Normalbürger. Deshalb heißt es im Lotussutra: "Nur ein Buddha und ein Buddha vermögen es zu ergründen."
Genauso spricht man vom gemeinsamen Geist von Buddha und Buddha. Der verwirklicht sich nur beim aufrichten Sitzen vor der Wand.

Unser Zazen ist so wie nach dem Winterschlaf zu einer vollkommen neuen Welt zu erwachen.

Zazen bedeutet noch einmal in die Gebärmutter zurückzukehren - deshalb ist Zazen keine "Arbeit".

Alle sind so beschäftigt mit ihrem Kalkulieren, dass sie nicht mehr aus noch ein wissen. Mit dem Kalkulieren aufzuhören, bedeutet Zazen.

Zazen bedeutet die Halluzination des Menschen aufzugeben.

Zazen bedeutet das zu praktizieren, was sich nicht aussprechen lässt.

Zazen bedeutet in die Praxis umzusetzen, was sich mit Gedanken nicht denken lässt.

Das Zazen von dir allein durchdringt Himmel und Erde, es bezeugt den Ort großer Befreiung.

Zazen ist der Dharma-Schalter, der das gesamte Universum "anknippst".

Samadhi (das Aufgehen in der Praxis) bedeutet, das, was das gesamte Universum ausfüllt, in jedem einzelnen Augenblick, bei jeder einzelnen Tätigkeit, in die Praxis umzusetzen, indem du dich ihm vollkommen hingibst.

Etwas "einfach" zu tun bedeutet, es jetzt auf der Stelle zu tun. Es bedeutet nicht die Zeit seines Lebens zu verschwenden.

"Ich und alles Lebendige auf der Erde verwirklichen den Weg gemeinsam."
Im Buddhadharma wird dies nicht mit politischer Macht durchgesetzt. Du selbst musst es verwirklichen. Wenn du sitzt, musst du eins mit Truman, Stalin und Mao sein. Einer sitzt für alle, alle sitzen für einen.

Die phänomenale Welt ist nichts, was Gott fabriziert hat. Sie besteht durch kausale Wechselwirkung.
Buddha bedeutet, dass aus einem unermesslichen Grund eine unermessliche Wirkung folgt. Auf dem Grund des Undenkens denken: So verwirklicht sich Buddha.
Oft wird gesagt, dass Zen Ungeist bedeute. Doch Ungeist bedeutet Unermesslichkeit, und Unermesslichkeit bedeutet nicht die Nicht-Messbarkeit im Gegensatz zur Messbarkeit.

Abgesehen von Zazen gründen sich doch alle "guten Taten" auf unser Bewusstsein von uns selbst. Nur das Zazen, bei dem dieses Bewusstsein von uns selbst verschwunden ist, ist wahres Zazen.

Sitz in Zazen mit der Absicht, zu verhungern. Dass bedeutet nicht, dass du dich darauf verlassen solltest, dass du immer etwas zu essen hast, solange du das Rad des Dharma im Schwung hälst. Umgekehrt: Solange du das Rad des Dharma im Schwung hälst, spielt es überhaupt keine Rolle, ob du etwas zu essen hast oder nicht.

Was um weltliche Gefühle buhlt, hat mit Zen nichts zu tun.
Buddhadharma macht keine Extrawürste, je nach unseren menschlichen Präferenzen.

"Die sitzen da alle mit dem Gesicht zur Wand - was soll das nur? Was könnte es Stumpfsinnigeres geben als Zazen?"
So stellt es sich aus der Sicht der vergänglichen Welt dar.

Was bringt uns Zazen?
Diese Frage, was es uns bringt, bringt am allerwenigsten: Was hat uns schon die Erfindung des Fernsehens gebracht? Und was hat es uns erst gebracht, dass du geboren wurdest?
Es "bringt" sowieso alles nichts.

Wenn man mich fragt, was Zazen bringe, sage ich, dass Zazen überhaupt nichts bringt. Und dann sagen manche, dass sie lieber mit Zazen aufhören wollen...
Doch was bringt es uns eigentlich, Tag ein Tag aus herumzuhetzen auf der Suche nach Befriedigung? Was bringt uns das Glücksspiel? Und was das Tanzen? Was bringt es uns, uns über Sieg oder Niederlage beim Baseball aufzuregen? Es bringt überhaupt nichts!
Deshalb ist nichts so konsequent, als sich schweigend in Zazen zu setzen.
Dass etwas nichts "bringt", bedeutet in der Welt doch nur, dass es kein Geld einbringt.

Oft fragen mich Leute, wieviele Jahre sie denn nun Zazen üben müssen, bis es Resultate zeigt. Zazen hat keine Resultate. Von Zazen hast du überhaupt nichts.

In letzter Zeit haben wir hier einen Zen-Boom: In jeder Zeitschrift steht irgendetwas über Zen geschrieben. Doch wenn du es liest, stösst du nur auf Fragwürdigkeiten: Einer schreibt, was er irgendwo auf der Gasse erzählt bekommen hat, ein anderer berichtet von einem einwöchigen Seminar mit garantiertem "Kensho". Das Problem ist, dass die, die noch nie etwas von Zen gehört haben, sich von so etwas einen Bären aufbinden lassen.

Wer über keine exakte buddhistische Lebensanschauung verfügt, sollte lieber die Finger von der Zazen-Praxis lassen.

Das Nenbutsu (Anrufen des Namens von Amithaba Buddha), das auf einem sicheren Geist beruht, ist wirkliches Nenbutsu. Das Zazen, das auf einem sicheren Geist beruht, ist wirkliches Zazen. Wenn du Nenbutsu praktizierst, weil es deinem Geist an Sicherheit fehlt, dann ist das kein Nenbutsu. Wenn du Zazen praktizierst, weil es deinem Geist an Sicherheit fehlt, dann ist das kein Zazen.
Und beim Essen bedeutet es die Praxis eines Buddha, durch eine vollendete Art des Essens die Mahlzeit zu vervollkommnen.

In unserer Schule gibt es keine Gottheiten neben Zazen.
Undenken ist der Leib des Dharma.
"Ohne Praxis verwirklicht es sich nicht, ohne Erweis wird es dir nicht zu eigen" (Bendowa) ist der Leib des Erwachten.
"Arbeit ist Zen, Sitzen ist Zen, in Reden und Schweigen, Bewegung und Ruhe findest du Frieden" (Shodoka) ist der Leib pragmatischer Unterweisung.


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