... Kapitel 12 ....... Inhaltsverzeichnis ...


11. An dich, der du mit Zazen dein Hara stärken willst

"Durch Zazen stärkst du dein Hara (Gegend unterhalb des Nabels)!"
Dass dieses "Hara" scheißegal ist, bedeutet wirkliches Hara, bedeutet Zazen.

Da gibt es Kerle, die mit Zazen ihr Hara stärken wollen. Da sollten sie sich doch lieber mit Sake (Reiswein) Mut antrinken und den Gerichtsvollzieher mit einem großen Schrei aus dem Haus jagen.

Da gibt es Bücher wie "Zen in der Kunst, sein Hara zu kultivieren".
Diese Hara-Kultur ist nichts als Selbstabstumpfung.

Manche versuchen durch Zazen dickfellig zu werden.

Wirkliches Hara zu entwickeln bedeutet, seine individuellen Attitüden abzulegen.

Wenn da auch nur ein Rest von Individualität ist, ist das nicht reines, unvermischtes Zazen. Wir müssen reines, unvermischtes Zazen üben, ohne es mit Gesundheitstraining oder Satori oder dergleichen zu vermischen. Wenn wir auch nur im Geringsten unsere persönlichen Anschauungen hereintragen, ist es kein Buddhadharma mehr.

Buddhismus bedeutet einfach gesagt: "Kein Ich". "Kein Ich" bedeutet, dass "ich" kein individuelles Subjekt bin. Wenn "ich" kein individuelles Subjekt bin, dann fülle ich das ganze Universum aus. Dass ich das ganze Universum ausfülle, bedeutet, dass alle Dinge Gestalt der Wahrheit sind.

Wahrer Dharma bedeutet: Nichts zu gewinnen.
Falscher Dharma bedeutet: Etwas zu gewinnen.

Wir müssen so viel wie möglich verlieren.

Wenn du Zazen übst während du von Gefühlen des Glücks, Ärgers, Trauer oder Freude beherrscht wirst, werden diese Gefühle wie ein furchtbares Gespenst ihren Spuk in deinem Zazen treiben.

Du darfst weder Buddhadharma (Buppo) noch Schießgewehr (Teppo) zum Zazen mitbringen. Noch viel weniger eine Frau (Nyobo).

Buddhaweg bedeutet: Nichts zu suchen, nichts zu finden.
Wo es etwas zu finden gibt, hat das nichts mit Buddhadharma zu tun, so sehr wir auch praktizieren. Wo es nichts zu finden gibt, genau da ist der Buddhadharma. Wonach du greifst, das wirst du verlieren.

Reichtum besteht daraus, nicht zu greifen - das Licht wenden und zurückreflektieren: Wenn wir einen Schritt zurücktun, sehen wir, dass es nichts zu greifen gibt. Nichts, wonach wir hinterher-, und nichts, wovor wir davonlaufen müssten. Die Gestalt der Wahrheit entsteht nicht und vergeht nicht, sie ist weder rein noch befleckt, sie nimmt weder ab noch zu.

Mönch Yakuzan übt Zazen. Da fragt ihn sein Lehrer, Großmeister Sekito: "Was tust du da?"
"Ich tue überhaupt nichts."
"Wenn du überhaupt nichts tust, heißt das, dass du dir bloß die Zeit vertreibst?"
"Wenn ich mir die Zeit vertriebe, dann würde ich mich wenigstens einem Zeitvertreib widmen, doch ich tue noch nicht einmal das."
"Du sagst, du tust nichts. Was ist es, das du nicht-tust?"
"Selbst tausend Weise könnten es nicht beim Namen nennen."
Nichts ist so still und erhaben wie das Zazen, das selbst tausend Weise nicht beim Namen nennen können - so wie es Yakuzan praktiziert und Großmeister Sekito lobpreist.
Heute gibt es Meister, bei denen du für ein ordentliches Sümmchen Geld eine Woche sitzen kannst, mit einer Garantie auf Kensho (Satori)... Es versteht sich von selbst, dass so etwas nichts mit dem Zazen Yakuzans, das selbst tausend Weise nicht beim Namen nennen können, zu tun hat. Sitzend zu praktizieren, was selbst tausend Weise nicht beim Namen nennen können, bedeutet einfach zu sitzen (Shikantaza).

Heutzutage wird viel von Zazen geredet. Die Frage ist bloß: Was bezweckst du mit deinem Zazen?
Da spucken sich welche in die Hände um ihr Hara zu kultivieren, zu stärkeren Persönlichkeiten zu werden oder "Satori" zu bekommen, und so weiter und so fort.
Und die kleinen Mönche nennen das Koan-Training ein "Rätselraten"...
All das ist nicht mehr als Buddhadharma aus der Sicht von Normalbürgern. Doch der Buddhadharma ist kein Dharma für Normalbürger. Wir müssen den Buddhadharma aus der Sichtweise des Buddhadharma betrachten. Deshalb geschieht es so selten, dass Zazen selbst wirklich Zazen praktiziert.

Es gibt Kerle, die wollen sich mit Zazen als Menschen fortbilden. Das ist nicht mehr als Schminke.

Wir sind hier keine Fortbildungsanstalt. Was wir versuchen, ist zu einer Tabula Rasa zu werden. Hier gibt es nichts zu gewinnen. Hier gibt es nur Illusion und Weisheit zugleich zu verlieren.

Im Buddhadharma geht es nicht darum, Normalbürger zu besonderen Menschen zu machen.

Zazen findet da statt, wo der Wettkampf des Sich-mit-den-Ellbogen-Voranarbeitens aufgehört hat.

Du schwimmst jeden Morgen im kalten Wasser? Was ist schon dabei: Der Goldfisch macht das die ganze Zeit.
Du hast das Rauchen aufgegeben? Na und? Ein Kater raucht auch nicht.
Wieviel du dir auch auf dein Hinterher- und Davonlaufen einbilden magst, es ist doch nicht mehr als das Herumtreiben in der vergänglichen Welt.

Zum Zazen kann man weder aufhetzen, noch kann man davor abschrecken.

Wahre Religion ist die Welt ohne Fabrikationen.

Alles ist gut, so wie es ist. Wir brauchen nicht daran herumzufummeln.

Alle glauben sie müssten noch etwas zu ihrem Zazen oder Nenbutsu hinzufügen.
Wir brauchen da nichts hinzuzufügen.

Wie außergewühnlich und mystisch deine Erfahrungen auch sein mögen, sie werden nicht dein ganzes Leben lang fortdauern. Früher oder später verlieren sie ihren Geschmack.

Normalbürger stehen auf Wunder und Magie: Sie lieben den Hokuspokus.

Normalbürger mögen von Natur aus keine Praxis, sie wollen bloß "Satori". Sie wollen Geld verdienen, ohne zu arbeiten. Deshalb stehen sie vor dem Lottoschalter Schlange: Sie wollen nicht den wahren Dharma, sie schwärmen zu den neuen Sekten, die ihnen den Himmel auf Erden versprechen.

Du bleibst beim "Satori" stehen, du bleibst beim Geld stehen, du bleibst bei Rang und Namen stehen, du bleibst beim Sex stehen.
Nicht stehen zu bleiben bedeutet: Buddhadharma.

Zazen ist eine erwachsene Gestalt - keine infantile Gestalt.


... Kapitel 12 ....... Inhaltsverzeichnis ...