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12. An dich, dem es dir nicht so vorkommt, als ob Zazen dir etwas gebracht hätte

Was bringt uns Zazen?
Überhaupt nichts! Solange uns dieses "überhaupt nichts" nicht so sehr in Fleisch und Blut übergeht, dass wir tatsächlich "überhaupt nichts" tun, solange bringt das wirklich überhaupt nichts.

Mit voller Absicht das zu tun, was überhaupt nichts bringt: Ist das nicht einen Versuch wert?!

Manche sagen, sie wollen Zazen ausprobieren, um bessere Menschen zu werden. Zu besseren "Menschen" wollen sie durch Zazen werden! Wie bescheuert! Wie könnten "Menschen" je zu etwas Besserem werden?

Sie sagen: "Ich will durch Zazen zu einem besseren Menschen werden!"
Zazen ist keine Erziehung zum Menschsein.
Zazen bedeutet, mit dem Menschsein Schluss zu machen.

Sie sagen: "Zen bedeutet, einen leeren Geist zu haben, nicht wahr?"
Einen leeren Geist wirst du nie haben, solange du nicht stirbst.

Sie glauben, dass durch Zazen alles besser wird. Unfug: Zazen bedeutet "besser" und "schlechter" zu vergessen.

Du bekommst kein Trinkgeld für dein Zazen.
"Der Tag ist lang, wie für ein kleines Kind,
der Berg ist still, wie die ewige Vergangenheit."

Zazen ist unzufriedenstellend. Unzufriedenstellend für wen? Für den Normalbürger - der Mensch wird nicht zufriedengestellt.

In unserer Schule fehlt es dem Zazen an Spannung. Normalbürger suchen ständig nach Spannung: Sport und Glücksspiel, Pferderennen... Was macht das so populär? Es ist die Spannung zwischen "Gewinnen" und "Verlieren".

Versteht es sich nicht von selbst, dass das, was maßlos und unbegrenzt ist, die Begierden des Menschen nicht zufriedenstellt?

Wie könnte das, was das ganze Universum ausfüllt, je Zufriedenheit im Rahmen des Normalbürgers bedeuten?

Unzufriedenstellend: Einfach Zazen praktizieren.
Unzufriedenstellend: Zazen mit diesem Körper umsetzen.
Unzufriedenstellend: Zazen in Fleisch und Blut aufnehmen.

Von Zazen in's Auge genommen, von Zazen ausgeschimpft, von Zazen behindert, von Zazen herumgeschleift jeden Tag blutige Tränen zu vergießen: Ist das nicht die glücklichste Form von Leben, die man sich vorstellen kann?

Da fragt einer: "Ich kann verstehen, dass wir während Zazen Buddhas sind. Bedeutet das, dass wir nur Normalbürger sind, wenn wir kein Zazen machen?"
Ist einer nur in dem Moment ein Dieb, in dem er etwas stiehlt, und keiner, wenn er gerade einmal nicht stiehlt? Wenn du isst, um zu stehlen, und wenn du isst, um Zazen zu praktizieren, ist das die gleiche Sache oder ist es verschieden? Wer einmal stiehlt, dem traut keiner mehr über den Weg. Wer einmal Zazen übt, übt ewiges Zazen.

Zazen ist schon eine wundersame Sache: Wenn du sitzt, kommt es dir überhaupt nicht so vor, als ob dieses Zazen so eine gute Sache wäre. Doch von außen betrachtet gibt es nichts, was so mäjestätisch wäre. Mit anderen Dingen ist es meist umgekehrt: Objektiv betrachtet ist nicht viel dabei, nur du selbst hälst das, was du da tust, für furchtbar wichtig.

Dass der Buddhadharma den gesamten Kosmos ausfüllt, liegt daran, dass es in ihm nichts zu greifen gibt.
Tägliche Praxis ist nicht anstrengend, wenn wir nach nichts greifen.

Wahre Praxis ohne Gewinn bedeutet zu praktizieren, indem wir zu Holz und Stein werden.

Zazen ist transparent und geschmacklos. Wenn wir Zazen würzen, wird es zu etwas für "Menschen".

Zazen ist nicht so modisch. Zur Mode wird, was dem Normalbürger von Natur aus liegt: Wettkampf um Sieg und Niederlage, wie beim Sport.

Dass Zazen nicht in Mode kommt, liegt daran, dass es zu lauter und erhaben ist. Kleinkinder interessieren sich nicht dafür.

Der große transparente Himmel unterscheidet sich von einem Bonsai-Pflänzchen (japanischer Zwergbaum) oder einem Gartenzwerg: Er ist unbegrenzt weit. Menschen lieben es, an ihren Bonsais herumzuschneiden oder sich um die Gartenzwerge zu kümmern.

Du willst Würze für dein Bewusstsein, deshalb kannst du mit dem transparenten, geschmacklosen Buddhadharma nichts anfangen.

Manche sagen, dass sie viele störende Gedanken während Zazen haben. Dass wir uns der störenden Gedanken bewusst werden, liegt daran, dass sich die Wellen legen und der Blutandrang abnimmt.

Manche sagen: "Wenn ich Zazen mache, bekomme ich störende Gedanken!" - Unfug! Wenn du Zazen machst, wirst du dich der störenden Gedanken erst bewusst. Wenn du mit deinen störenden Gedanken zum Tanzen gehst, merkst du nichts von ihnen.
Wenn dich während Zazen eine Mücke sticht, merkst du es sofort. Du merkst dagegen nichts, wenn dich beim Tanzen ein Floh am Hoden zwickt, so beschäftigt bist du mit deinem Tanzen.

Ein Laie fragt: "Ich übe schon seit langer Zeit Zazen, doch noch immer habe ich viele störende Gedanken, und ich weiß nicht, was ich nur dagegen tun kann. Nur ein einziges Mal, während eines Luftangriffs, als ganz in der Nähe die Bomben einschlugen, setzte ich mich in Zazen und hatte nicht einen einzigen störenden Gedanken. Nie war mein Zazen so gut wie dieses eine Mal. Doch danach war wieder alles beim Alten. Gibt es nicht irgendeinen Weg, noch einmal Zazen so wie jenes eine Mal zu praktizieren?"
Sawaki Roshi antwortet: "Ja, nämlich Koan-Zen. Du lässt dir ein Koan geben, lässt dich anbrüllen und in die Ecke treiben. Da bleibt kein Platz für störende Gedanken. Allerdings ist danach dann wieder alles beim Alten. Nur für den Augenblick vermagst du es auf diese Weise, die störenden Gedanken in die Ecke zu schieben. Beim "nur Sitzen" (Shikantaza) von Dogen Zenji geht es dagegen auf's Ganze: Wir müssen unsere wahre Natur zum Vorschein bringen. Da erscheinen dann auch die schlechten Seiten von uns ganz so, wie sie sind. Wir erkennen, dass wir ständig störende Gedanken im Kopf haben, so wie ein Krebs, der Blasen blubbern lässt. In Wirklichkeit ist es das Verdienst von Zazen, dass wir erkennen, dass wir voller störender Gedanken sind. Wenn wir ganz beschäftigt mit einer Sache sind, kommt uns nichts anderes in den Sinn. In der einen Hand ein Weinglas, den anderen Arm um eine Geisha geschlungen - da merken wir nichts von dem Floh, der uns zwickt. Für den Augenblick sind alle unsere Gedanken zur Seite gedrängt. Doch während Zazen sind wir uns dieses Flohs so bewusst, dass wir uns nicht zu helfen wissen. Denn dann sind wir nicht betäubt. Wir werden uns selbst durchsichtig und klar."

Ist es nicht natürlich, dass wir im Leben alle möglichen psychologischen Phänomene erleben?

Wir haben alle möglichen Gedanken während Zazen und fragen uns, ob das denn in Ordnung sei. Dass wir uns das fragen, beweist, dass Zazen von reiner Natur ist, und dass uns diese reine Natur während Zazen in's Auge blickt. Wenn wir betrunken in unserer Unterwäsche herumtanzen, stellen wir uns keine Fragen.

In Zazen sind Buddha und Normalbürger vereint. In den Augen Buddhas erscheint der andere Teil nur als so derb, wie er ist, gemessen an unserer ursprünglichen Buddhanatur.

Die "störenden" Gedanken stören nur den Normalbürger in uns.

Quengel nicht vor dich hin. Glotz nicht in die Gegend. Sitz einfach!

"Senshi übte mit Yakuzan für 30 Jahre, um diese eine Sache zu klären." (Shobogenzo Sanbyakusoku)
Welche Sache? Die Tatsache, dass Zazen allein genügt.


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