... Kapitel 19 ....... Inhaltsverzeichnis ...


18. An dich, der du jeden Tag darüber klagst, keine Zeit zu haben

Die Menschen halten sich nur beschäftigt, um der Langeweile zu entgehen.

Alle klagen darüber, so beschäftigt zu sein, daß sei gar keine Zeit haben. Warum aber sind sie so beschäftigt? Es sind bloß ihre Illusionen, die sie beschäftigt halten.
Wer Zazen übt, hat Zeit. Wer Zazen übt, muß versuchen, mehr Zeit zu haben als jeder andere.

Wenn wir nicht aufpassen, fangen wir an einen großen Wirbel nur um die täglichen Brötchen zu machen. Ständig sind wir in Eile, aber warum? Für unsere täglichen Brötchen. Auch die Hühner picken ganz hastig nach ihrem Futter, doch wofür? Nur um von den Menschen gefressen zu werden.

Wieviele Illusionen macht sich ein Mensch während seines Lebens? Es ist gar nicht auszurechnen. Tag ein, Tag aus: "Ich will dies, ich will das..." Ein einziger Spaziergang bringt so 50 bis 100 tausend Illusionen mit sich. Das heißt es, beschäftigt zu sein.
"Ich will bei dir sein, ich will zurück nach Hause, ich will dich sehen..."

Die Menschen sind stets ganz aus der Puste, so sehr rennen sie ihren Illusionen nach.

"Fort von hier, hinüber auf die andere Seite" - das bedeutet es, im Karma herumzutreiben.

Die Entwicklung der Verkehrstechnik hat die Welt kleiner gemacht: Wir rasen mit dem Auto herum, doch wohin eigentlich? Ab geht es in die Spielhölle! Wir geben Gas, nur um die Zeit totzuschlagen.

Da gibt es welche, die mit Mah Yongg die Nacht machen, nur um am nächsten Morgen ihre Vitamintabletten zu schlucken und mit verquollen Augen zum Dienst zu eilen.

Die Welt ist stets in großer Aufregung, die sich niemals legt. Was kann man angesichts der Normalbürger anderes tun, als resigniert mit den Schultern zu zucken?

In alten Koans heißt es oft: "Woher kommst du?" Hier ist nicht nach dem Ort gefragt. Woher kommen wir alle? Viele sind geil auf Sex. Sie kommen aus "Geilheit". Die, die gierig nach Geld sind, kommen aus "Geldgier". "Bitte empfehlen Sie mich doch weiter!" - so einer kommt aus "Karrieresucht".

"Dies muss ich noch machen, das muss ich noch machen, ich hab' gar keine Zeit!" - Auf diese Weise werden manche ganz neurotisch. Was sollten die tun? Am besten gar nichts. Sie müssen bloß ruhig sein.

Keine menschliche Arbeit zu verrichten, bedeutet Zazen.

Großunternehmer und Politiker klagen darüber, so beschäftigt zu sein. Dabei nehmen sie jede Gefahr auf sich, um sich um ihre zwei oder drei Geliebten zu kümmern. Die Frage ist einfach, worum es uns wirklich geht.

Wenn wir davonlaufen, gibt es kein Ende. Wenn wir hinterherjagen, gibt es auch kein Ende. In diesem Moment ohne Murren Zazen zu praktizieren: Nichts ist wertvoller als ein Leben aus der vollen Lotus-Haltung.

Das Treiben in der Welt ist wie das Treiben der Wolken im Ungeist. Es geht nicht darum, schneller zu treiben. Alles bewegt sich im Ungeist.

Alles beruht auf gegenseitiger Wechselwirkung, es gibt keine Substanz. Das ist so wie mit Wolken: Weder "existieren" die, noch existieren sie "nicht". Trotzdem "existieren" sie, aber sie existieren auch "nicht". Und darüber zerbrechen sich dann alle den Kopf.

Wenn du innerhalb von Zazen die vergängliche Welt vergegenwärtigst, bereicherst du den Dharma und das Leben. Wenn du dich bloß innerhalb der Welt abmühst, wird das dein Leben nicht bereichern.


... Kapitel 19 ....... Inhaltsverzeichnis ...