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20. An dich, der du gerne Gespenstergeschichten hörst

Oft fragen mich Leute, ob es Gespenster wirklich gibt. Jemand, der sich über so etwas den Kopf zerbricht, nennt man ein Gespenst.

Es heißt, dass die Toten als Gespenster erscheinen, aber das geht auch nur solange es Lebende gibt. Wenn die Lebenden erst einmal alle tot sind, dann werden ihnen auch keine Gespenster mehr erscheinen. Die Toten sind Werkzeuge der Lebenden, heißt es in der Yogacara-Philosophie.

Einer sagt, er habe einen Geist gesehen, ein anderer erfuhr von jemandes Tod im Traum: Was sind das schon mehr als einzelne Szene im Theater der Vergänglichkeit?

Ist nicht alles eine Halluzination? Und nur weil wir diese Halluzination nicht als Halluzination erkennen, treiben wir herum durch Leben und Tod.

Alle träumen - das Problem sind nur die Unterschiede zwischen den jeweiligen Träumen.

Wenn du träumst, ist dir nicht klar, dass du träumst. Es tut weh, wenn einer dir in die Backe kneift, doch dieser Schmerz ist auch nur ein Traum. Ein Traum leistet dem anderen Gesellschaft, deshalb erkennt selbst ein Traum den anderen nicht als Traum.

Die Unterhose hängt zum Trocknen am Ast: Jemand sieht sie und glaubt einen Geist zu erblicken. Vielleicht meinst du, so etwas komme in Wirklichkeit kaum vor, doch wenn wir denken "ich brauche Geld", "ich will Minister werden", "ich will vorankommen", halten wir da nicht alle eine Unterhose für eine Geistererscheinung?

Alle reden von der Realität, aber die ist auch nur ein Traum. Das ist nicht mehr als die Realität innerhalb eines Traums.
Wenn von Revolution und Krieg die Rede ist, glauben wir, dass da etwas ganz Besonderes los ist, aber was ist das mehr als ein Sich-Winden im Traum? Wenn du stirbst, erkennst du deinen Traum.
Wer nicht während dieses Lebens mit seinem Traum aufrämt, ist ein Normalbürger.

Da hat mal irgendeiner beim Harakiri folgende Verse verfasst:
Was schlägt und was geschlagen wird -
nachdem sie gemeinsam zu Grunde gehen
kehren sie zum selben Dreck und Erde zurück.
Beim Harakiri kommt diese Einsicht zu spät. Soll heißen: Selbst bevor sie zu Grunde gehen, ist es der selbe Dreck, die selbe Erde.

Für Träume können wir weder Pläne schmieden noch Probe halten. Genauso ist auch der Dharma Traum, die Lehre Traum. Ein Traum lehrt einen Traum in einem Traum.

Wenn man dich im Traum zum Essen einlädt, ist es doch nur ein Traum. Der hat keine Kalorien.

Wir irren uns, wenn wir die Halluzination eines "Selbstes", dem wir in unserem Bewusstsein begegnen, für uns selbst halten.
Die Unsterblichkeit der Seele, von der die neuen Modereligionen reden, gründet sich auch auf diese Halluzination eines "Selbstes".Das wirkliche Selbst ist die wahre Natur, die in der Einheit von allen Buddhas und Lebewesen und in der Ununterscheidbarkeit von Geist, Buddha und Lebewesen liegt.

Was wir unser Bewusstsein von uns selbst nennen, ist nichts als persönlicher Geist.

Weil wir auf Grund der Halluzination unseres Bewusstseins von und selbst über gut und schlecht urteilen, gehen wir fehl.

"Illusion" bedeutet, das, was sich in unserem Bewusstsein abspiegelt, noch einmal aufgewärmt auf den Tisch zu bringen.

Der Schwachpunkt von uns Lebewesen liegt darin, dass wir unsere Halluzinationen selbst fabrizieren.

Die Menschen leben alle in Ratlosigkeit und Angst. Die Yogacara-Philosophie lehrt: "Wenn sich das innere Bewusstsein wendet, scheint es, als gäbe es zwei Seiten."
Obwohl das nur die Funktion eines einzigen Bewusstseins ist, scheint es so, als ob es da ein Subjekt und Objekt gäbe, und deshalb entsteht ein großes Theater, wenn wir einer Seite nachjagen oder davonlaufen.
Was für seltsame Illusionen wir doch haben.

Herumzuirren bedeutet wie ein Schlafwandler zu leben.

Auch wenn wir ein gelassenes Gesicht zur Schau stellen, sind doch in unserem Innersten die Illusionen am gären.

Denk' über die Illusionen, die du gestern beim Zazen hattest, nächstes Jahr noch einmal nach: "Die zwei Schlammstiere sind nach ihrem Kampf im Meer versunken. Seither hat keiner mehr von ihnen gehört."(Tozan)


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