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25. An dich, der du zur Fortbildung ein bisschen Buddhismus studieren willst

Die Begriffsspielereien des Unbeteiligten: Das ist es, was wir "leere Theorien" nennen. Die Begriffsspielereien des Unbeteiligten taugen zu nichts. Spring rein mit Leib und Seele!

Du musst ganz sterben, um über den Buddhadharma nachdenken zu können. Es reicht nicht, dich bloß zu Tode zu quälen.

Die Buddhalehre ist nichts für Schaulustige: Um dich selbst muss es gehen!

Religion bedeutet nicht, die Welt um uns herum umzugestalten. Es bedeutet, meine Augen, meine Ohren, meine Sichtweise, meinen Kopf umzugestalten.

Buddhalehre ist kein Studienfach. Die Frage ist: "Was tue ich mit meinem Leib?"
Der menschliche Leib ist höchst praktisch eingerichtet. Doch wozu benützen wir diesen praktischen Leib eigentlich? Meistens benützen wir ihn als Sklaven unserer Triebe. Buddhalehre bedeutet, den Leib in einer Weise zu gebrauchen, die ihn nicht zum Sklaven der Triebe macht. Das heißt Ordnung in Leib und Seele zu bringen.

Buddhalehre ist keine Idee. Das Problem ist: "Wie gehe ich mit mir selbst um?"

Buddhaweg bedeutet das Absolute in die Praxis umzusetzen, es durch Übung zu verwirklichen.

Buddhalehre bedeutet stetige Übung mit Leib und Seele, ohne jeden Gewinn. Stetige Übung ohne Gewinn ist nichts was sich festmachen ließe nach dem Muster: "Und was muss ich als nächstes machen?"
Trotzdem musst du tun, was du tun musst, und darfst nicht tun, was du nicht tun darfst. Wo du riskieren musst, riskiere Kopf und Kragen. Wo du nichts riskieren darfst, riskiere nicht einmal deine Zungenspitze.
Praxis ist nicht in den Dingen. Sie ist in der Tätigkeit.

"Nur Buddha und Buddha vermögen es zu ergründen" (Lotus-Sutra).
Nur eine Katze versteht die Gefühle einer Katze. Nur ein Buddha versteht die Buddhalehre. Nur wer die Buddhalehre praktiziert, ist ein Buddha. Sich Buddha vorzustellen, ohne die Buddhalehre zu praktizieren, hat mit der Buddhalehre nichts zu tun.

Religion taugt nichts, wenn sie in Begriffen erstarrt. Religion ist Leben, und Leben muss in Tätigkeit sein.
Wer nicht mehr sagen kann als "ich nehme Zuflucht zum Lotus-Sutra", der steckt in der Klemme. Leben muss sich nach links und rechts, oben und unten, in alle Richtungen frei bewegen können. Werd' nicht zur Mumie, lass dich nicht austrocknen.

Alle Welt glaubt bei der Übung des Buddhaweges gehe es darum, Schritt für Schritt die Begierden abzuschnüren, so wie man das Licht einer Lampe herunterdreht, bis es mit einem Mal ganz erlischt. Die Praxis des großen Gefährts (Mahayana) bedeutet, "zu geloben und sich daranzusetzen, alle leidenden Wesen hinüberzuretten, bevor ich mich selbst rette" (Shobogenz Hotsubodaishin). Dafür ist es notwendig, die Begierden mit Absicht übrig zu lassen, um mit ihnen den Lebewesen zum Nutzen zu gereichen. Das heißt, dass wir vollkommen menschlich sein müssen. Es ist nicht gut, wenn wir ganz eintönig und kerzengerade bis an die Wurzel sind.

Was bei der Religion wichtig sein muss, ist unsere Lebensweise.

Eine Religion, die mit Lebenseinstellung nichts zu tun hat, taugt nichts.

Die Buddhalehre ist keine Legende aus alter Zeit. "Es war einmal ein alter Opa und eine alte Oma..." - kein Märchen von dieser Art. Buddhalehre darf nichts anderes als unser eigenes Problem sein. Getrennt von uns selbst, getrennt von diesem Augenblick, gibt es keine Buddhalehre.
Buddhalehre ist nichts für Touristen.

Die Buddhalehre liegt nicht in der Ferne. Sie gehört auch nicht der Geschichte an. Sie gehört dir selbst an!

Horizontale Verbindungen, vertikale Verbindungen - solche Verbindungen haben mit der Buddhalehre nichts zu tun. Solche Verbindungen sind sowieso nichts Absolutes. Sie für real zu halten und sich auf sie zu verlassen entspricht den Gefühlen der Normalbürger.
Doch sieh, wirst du die Geliebte, die du in die Arme schließt, nicht an den Tod verlieren? Selbst der Herr Bürgermeister fällt zu Boden, wenn die Zeit kommt. Wenn ein Reicher in Armut stürzt, trifft ihn das wohl noch härter als die Armut dessen, der von Anfang an arm war.
Die Alten sehnen sich zurück nach den alten Zeiten und reden nur von früher. Und die Jugend macht sich darüber lustig. Doch was machen die jungen Leute? Sie sagen: "Früher oder später werde ich es dir schon zeigen!"
Auf diese Weise wird das, was wir gegenwärtig tun, zum Provisorium für den Augen blick. Die Menschen lachen und weinen, zürnen, klagen und leiden innerhalb dieser horizontalen und vertikalen Verbindungen. "Herumtreiben" bedeutet ein Leben, in dem wir uns auf diese horizontalen und vertikalen Verbindungen verlassen, während wir den gegenwärtigen Augenblick vernachlässigen. Die Beschreibungen des Wirrwarrs innerhalb der horizontalen und vertikalen Verbindungen sind das, was man Literatur nennt. Deshalb gibt jemand wie Zenmeister Dogen, der damit nichts zu tun hatte, auch keinen Stoff für Romane her.
Diese horizontalen und vertikalen Verbindungen stellen die Welt dar, während das, was ohne horizontale und vertikale Verbindungen nur hier und jetzt besteht, Zazen ist. Was ohne horizontale und vertikale Verbindungen ist, wird ausgedrückt durch die Definition "Alle Dinge sind Gestalt der Wahrheit".

In der Welt herrscht großes Durcheinander, weil jeder mit seinem eigenen Massstab misst, wenn die Rede von "groß" oder "klein" ist. Im Buddhismus spricht man von ungehinderter Freiheit in Groß und Klein, Eng und Weit. Das ist etwas anderes, als die Dinge mit dem Massstab abzumessen und als "groß" oder "klein" zu bezeichnen.

Buddhismus ist maßlos und unbegrenzt. Wenn du deshalb versuchtest, Buddhismus zu verstehen, indem du diese maßlose Unbegrenztheit außer acht lässt, gingest du völlig fehl.


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