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27. An dich, der du geradeheraus nach deinem wahren Selbst fragst

Du kannst dich nicht selbst greifen und festhalten. Genau in dem Augenblick, in dem du dich selbst verloren gibst, verwirklichst du dich eins mit dem Universum.

Gerade das "ich", das ich mir nicht selbst ausgedacht habe, bin ich wirklich.

Das, was jenseits der individuellen Person liegt, wird mit "Alle Dinge sind Gestalt der Wahrheit" und "Alles Sein ist Buddhanatur" bezeichnet.

Das ganze Universum strahlt im Licht des Selbstes - Ich bin das ganze Universum. Hier bin ich nicht das alberne Geschöpf, das mit dem Kleingeld im Portemonnaie klimpert.

Dieser Leib ist das ganze Universum - Wenn du nicht soviel Selbstvertrauen hast, wirst du deine Blössen nicht verstecken können. Wenn du eifersüchtig bist und von einer Laune in die andere fällst, gibst du dir Blössen.

Glauben bedeutet daran zu glauben, dass du das ganze Universum bist, egal ob es dir überzeugend vorkommt oder nicht. Dieser Glaube ist die einzige Form von religiösem Eifer, der nie abflaut.

Buddhaweg bedeutet an die eigene Buddhanatur zu glauben.

Jeder von uns, ob er's weiß oder nicht, hat Buddhanatur. Das heißt er gehört zu "alle Dinge sind Gestalt der Wahrheit".

Die Gestalt der Wahrheit liegt offen vor uns.
Verschwendete Mühe, daran zu zweifeln.

Sich in das vollkommen unverbogene und unbeirrbare Selbst zu vertiefen, bedeutet Buddhaweg.

Vergiss einfach das, was du seit deiner Geburt alles aufgeschnappt hast.

Was "Abfallen von Körper und Geist" genannt wird, bedeutet nicht mehr als einfach aufzuhören, darauf zu bestehen, dass "ich bin der ich bin".

Im Gakudo-Yojinshu ("Aufzeichnungen worauf beim Üben des Weges zu achten ist") steht: "Bodhi-Geist (Geist des Erwachens, erwachter Geist) bedeutet das Erkennen der Vergänglichkeit."
Im Vairocana-Sutra heißt es wiederum: "Bodhi (Erwachen) bedeutet zu erkennen, wie der eigene Geist wirklich ist."
Das heißt, dass die Vergänglichkeit zu erkennen in erster Linie bedeutet, sich wirklich selbst zu erkennen.

Nicht-Ich bedeutet keine geistige Umnachtung. Es bedeutet Eins-Sein mit dem Universum.

Nicht-Ich, umgekehrt ausgedrückt, bedeutet "Alle Dinge sind Gestalt der Wahrheit".

Nicht-Ich, oder Nicht-Geist, bedeutet nicht, sich untätig in Bewusstlosigkeit abdriften zu lassen. Nicht-Geist bedeutet nicht der Notwendigkeit zu Trotzen. Es bedeutet, der kosmischen Ordnung zu folgen. Das heißt, in die kosmische Ordnung eingebunden zu leben.

Ist Leben innerhalb der Zeit? Nein, umgekehrt: Die Zeit ist innerhalb des Lebens. Deshalb gibt es auch kein Leben außerhalb unserer religiösen Praxis.

Wir sind wir selbst und gleichzeitig das ganze Universum. Wir sind das ganze Universum und gleichzeitig wir selbst. Das ist genau das, was der Satz "Es gibt nur den Dharma des einen Gefährts, nicht zwei, nicht drei" (Lotus-Sutra) ausdrückt.

Wenn ein Wassertropfen sich im Meer auflöst, und wenn ein Staubkörnchen im Erdboden versinkt, dann ist der Wassertropfen bereits das Meer, und das Staubkorn ist die Erde.

Wenn die Flut der religiösen Idee ihr Maximum erreicht, kommt sie an den Punkt, den der Buddhismus "das Selbst, das das ganze Universum füllt" nennt.

Alle Dinge sind Inhalt meiner selbst. Deshalb muss ich in meinem Handeln auch die Wünsche der anderen berücksichtigen.

Dem Buddhaweg darf auch das Gesellschaftsbewusstsein nicht fehlen. Wenn sich die Buddhalehre und die Ansichten der Menschen gegenseitig scharf ins Auge sehen, dann ist das "die doppelte Wahrheit in der Wirklichkeit und in der Welt".
Für Buddha stellen die verirrten Lebewesen seine Stammkundschaft dar, deshalb muss die Buddhalehre hier mit Feingefühl operieren.

Wenn wir bei allen Dingen, von denen wir Gebrauch machen, an die denken, die nach uns kommen, liegt das daran, dass wir uns der Gesellschaft erkenntlich zeigen.

Wo "Geist ist", gibt es stets etwas auszusetzen. Wo "kein Geist ist", gibt es auch keinen Geist der Güte.
Es darf weder Geist geben, noch keinen Geist geben: Das ist schwer.
Das bedeutet es, auf dem Grund des Nicht-Denkens zu denken, und Undenken ist das grosse Ding, in das sowohl "Geist" als auch "Nicht-Geist" zusammen völlig herein passen.

"Undenken" ist nicht das, was wir uns im Kopf ausrechnen.

"Endlosen Äonen in der Vergangenheit" bedeutet die Zeit, in der die Dinge noch keine Namen hatten. Wie könnte es darauf eine abschliessende Antwort geben?

Von einem wirklichen Buddha können wir nicht Mass nehmen.

Buddha hat keine feste Form. Deshalb können wir kein Mass nehmen.

Wenn du "Amithaba" sagst, klingt das so, als wäre "Amithaba" dein Haustier. Das ist verkehrt. "Amithaba" bedeutet "Leben ohne Mass, Licht ohne Mass" - in anderen Worten: Grenzenlosigkeit.
Wenn du fragst, was Buddhismus ist, lautet die Antwort: "Den Buddhaweg ergründen heißt sich selbst ergründen" (Shobogenzo Genjokoan), "den eigenen Geist wirklich erkennen" (Vairocana-Sutra).
Wenn du daher fragst, worum wir zu religiöser Praxis aufbrechen, muss die Antwort sein, dass wir damit letztendlich zu einer Reise auf der Suche nach uns selbst aufbrechen.
Wenn du allerdings nicht aufpasst, kann es dir vorkommen, dass du dein ganzes Leben lang bloss herumirrst wie ein Gespenst, ohne zu wissen, weshalb oder wonach du überhaupt auf der Suche bist.

Wir schreiten fort in unserer Übung auf der Suche nach der einen Sache ohne eigene Natur, ohne Gewinn, während wir uns Blasen laufen in unseren Strohsandalen. Diese Übung ist nicht außerhalb. Sie ist das Umkehren des Lichtscheins, das Innere unserer selbst.
Es ist die Rede vom "Dharma-Tor von Frieden und Glück", doch dieser Frieden und dieses Glück sind nicht Friede und Glück im weltlichen Sinn. Mit Friede und Glück im weltlichen Sinn Schluss zu machen bedeutet wahren Frieden und wahres Glück.

Die Buddhalehre liegt nicht fern von uns, doch wir dürfen nicht darauf warten, sie geschenkt zu bekommen. Sie bedeutet, klar über sich selbst zu werden.


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