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28. An dich, der du den Buddhismus für den grössten Gedanken in der Geschichte der Menschheit hälst

Ein Gedanke gründet sich auf den Stand der Dinge, wenn alles bereits abgeschlossen ist. In der Buddhalehre geht es um die unabgeschlossene Sache, wenn die Dinge noch in Bewegung sind.

Religion ist kein Gedanke. Sie ist Praxis.

Religiöse Praxis ist eine "Sache", das heißt Tatsache. Keine Arznei-Reklame.

Das Experiment des Wissenschaftlers: In unserem Fall entspricht es der praktischen Übung. So wie Wissenschaft ohne Experiment witzlos ist, ist auch ein Buddhismus ohne Übung witzlos.

Über die Buddhalehre dürfen wir uns nicht in Gedanken verlieren!

Pass auf, dass du die Buddhalehre nicht wie eine Konservendose anfasst, die nichts mit der Realität zu tun hat.

Alles was aus deinem Mund kommt, deine Erklärungen und Aufsätze: Es ist nur dummes Zeug. Deine Gesichtszüge sagen bereits, was Sache ist.

Die Buddhalehre steckt nicht in Büchern. Wieviele Sutras sich auch in der Bibliothek stapeln mögen, ohne einen Menschen, der sie liest, sind sie gut für nichts. Das Buddhalehre Praxis ist, bedeutet, dass es in ihr nur um Menschen und Menschen, dich und mich geht.

Der Inhalt von Begriffen und Ideen ändert sich jeden Augenblick. Nichts ist fixiert. Deshalb heißt es im Hannya-Shingy ("Herz der Weisheit-Sutra"), dass Auge, Ohr, Nase, Zunge, Leib und Geist nicht existieren, und dass sämtliche Phänomene und der ganze Wahrnehmungsprozess an sich leer sind. Wo auch immer du hinblickst, keine zwei Dinge sind gleich. Jeder von uns hat sein eigenes Gesicht.

"Form ist Leere, Leere ist Form" - Wenn du es in Worte fasst, bringst du eine Ordnung hinein. Wenn du es aussprichst, kommt eins vor dem anderen. In Wirklichkeit ist es gleichzeitig. In Wirklichkeit bedeutet in der Praxis.

Wo die Wirklichkeit stimmt, kann man sie mit Worten vollkommen frei ausdrücken. Doch diese Worte selbst sind nicht die Wirklichkeit. Wenn die Wirklichkeit in den Worten selbst steckte, müssten wir uns die Zunge verbrennen, wenn immer wir "Feuer" sagten. Und wenn immer wir vom Wein sprächen, müssten wir betrunken werden, aber in Wirklichkeit ist es nicht so einfach.

Wenn die Tatsache vorliegt sind Worte überflüssig. Worte ohne Realität sind leere Theorie. Wenn wir den Inhalt haben, sind wir frei von den Worten.

Was ohne Realität ist, taugt nichts, egal wie wir es bezeichnen. Gleich wie wir sie wenden, mit Theorie kommen wir nicht weiter. Worte sind nicht mehr als Worte.

Auch ich habe eine Menge Bücher des Philosophen Nishida Kitaro gelesen. Ich kam mir dabei vor wie bei einer Entdeckungsreise auf der Suche nach neuen Wörtern.

Wer es nicht auch mit einfachen Worten sagen kann, der hat seine Wissenschaft un gründlich verdaut.

Die Gedankengebäude dieser Welt gründen sich alle nur auf die unterschiedlichsten Standpunkte von Normalbürgern.
Letztlich gilt: "Jeder von uns ist ein fehlbarer Mensch"

Die Professoren der Buddhologie verbringen ihr ganzes Leben damit, sich die Anzahl der provisorischen Lehren auszurechnen, ohne je ein Stück von der Wahrheit in den Magen zu bekommen. So verwechseln die Buddhologen das Leben einer Registrierkasse mit dem eines Millionärs.

Wissenschaftler sind eigenartige Menschen: Sie sind dabei, ein Diagramm der 25 Arten von Existenzen in den drei Welten zu machen, zuerst mit schwarzer Tusche und einem feinen Pinsel, darüber zusätzliche Eintragungen mit roter Tinte, und am Ende noch ein paar Randkommentare mit Kreide. Auf diese Weise vollführen sie ihre prächtige Arbeit, doch ach, sie haben keinen Schimmer, was das alles mit ihnen selbst zu tun haben könnte.

Die Inder lieben es, alles genau abzuzählen. Für alles und jedes haben sie die genaue Anzahl parat. Die genaue Anzahl der verschiedenen Arten, sich die Nase zu putzen, einen Furz ziehen zu lassen, und so weiter.

Ich habe gehört, dass in Indien die Religion in einer Schublade mit Kunststücken und Magie steckt.

Auch wenn Kumarajas Übersetzung des Lotus-Sutra von eleganterem Stil sein sollte als der Originaltext, was ist schon dabei? Es geht doch nur darum, soviel wie nur möglich von der Buddhalehre daraus herauszuholen. Oder ist die Buddhalehre etwa Philologie oder Geschichte?

Buddhologen betrachten den Buddhismus als Quellentext, nicht als Ausdruck ihrer selbst.

Du musst dir darüber klar seinen, dass es einen grossen Unterschied darstellt, ob du vollkommen bereit für die Aufnahme einer Sache bist oder nicht. Das gilt für jedes einzelne Gebot, für jedes einzelne Sutra, für jeden einzelnen Gedanken und für jede einzelne Kultur. Überhaupt ist es so im ganzen Leben eines Menschen.

Wenn du den Buddhismus ohne praktische Übung lehrst, dann gibt es nichts so Verlogenes wie diesen Buddhismus. Doch wenn man sagt, dass die Sutren der symbolische Ausdruck der Übung sind, dann gibt es keine Kunst, die noch stiller und transparenter wäre als dies.

Die Überlieferung findet außerhalb der Sutren statt, wir stützen uns nicht auf Worte, deshalb gibt es in den gesamten Sutren keine Buddhalehre. Bedeutet das, dass die gesamten Sutren nichts als Lügen sind? Keinesfalls. Wenn du sie mit wahren Augen liest, sind die gesamten Sutren wahr.

Zucker ist süss, auch wenn er schweigt. Er sagt nicht: "Glaub mir, ich bin süüüss."
Wenn wir anderseits mit dem Mund "Zucker" sagen, schmeckt das nicht süss. Nur wenn wir an ihm lecken, ist er süss. Denn Zucker ist kein Wort.
Bedeutet das, dass es Worte nicht gibt? Nein, denn ich brauche nur "Bring mir mal eben den Zucker" zu sagen, und sieh, schon bringt ihn mir jemand. Oder was würdest du mir bringen? Buddhismus ist schwierig, weil er die Lehre lehrt, die unaussprechlich und unerklärbar ist. Anders gesagt, er spricht ohne Worte. Alles was du verstanden und auswendig gelernt hast, ist kein Buddhismus.

Alte Leute berufen sich auf ihre Lebenserfahrung, um ihre alten Angewohnheiten zur Geltung zu bringen. Nur das, was sich nicht ändert, wenn sich alles andere ändert, wird die Weisheit der Weisheiten genannt.

Sich mit Leib und Seele zu bemühen bedeutet, die Weisheit der Weisheiten zu Polieren bis sie glänzt. Es bedeutet nicht, über sie nachzugrübeln.

Als der zweite Patriarch, Grossmeister Eka, zum ersten Mal den ersten Patriarch, Grossmeister Bodhidarma, aufsuchte, erhielt er keine Erlaubnis, einzutreten. Es war in einer schneereichen Nacht am neunten Dezember, als er vor dem Fenster stehend auf die Morgenröte wartete. In den alten Texten heißt es: "Der Schnee reichte ihm bis zu den Hüften, die Kälte ging ihm bis in die Knochen." Bodhidharma sprach, ohne sich umzuwenden: "Eingebildet und oberflächlich wie du bist, solltest du nicht leichtherzig nach der wahren Lehre fragen." Eingeschneit bis zu den Hüften, bis auf die Knochen durchgefroren, kann man ihn kaum eingebildet und oberflächlich nennen, oder doch?
Da schnitt sich Eka eigenhändig den Arm ab und hielt ihn Bodhidharma hin. Es heißt, dass Bodhidharma in darauf einliess mit den Worten "Alle Buddhas vergassen die gestalthafte Welt vollkommen, als sie zum ersten Mal nach dem Weg suchten. Auch du, der du deinen Arm vor meinen Augen abschneidest, hast hier noch etwas zu suchen."
Nachdem sich der zweite Patriarch den Arm abschnitt, muss er einen grossen Blutverlust erlitten haben. Mir graust bei dem Gedanken, ob die Wunde wenigstens verbunden wurde, bevor der Dialog stattfand.


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