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30. An dich, der du sagst, dass das Shobogenzo schwer zu verstehen ist

Weil du die Buddhalehre vom Standpunkt menschlichen Denkens aus verstehen willst, gehst du in die um 180 Grad verkehrte Richtung.

Meister Dogen erwartet wirklich nichts Menschenunmögliches von uns. Es geht nur darum, natürlich zu werden, ohne leere Gedanken und Sonderbarkeiten. Überhaupt verlangt der Buddhismus nach nichts Sonderbarem, sondern nur danach, natürlich zu werden.
Selbst wenn uns manche Verse in den Sutren sonderbar erscheinen mögen - beispielsweise "Das weiße Härchen zwischen den Augenbrauen lässt die dreitausend Welten, das große Tausend der Welten erstrahlen" - so sind das doch nur literarische Symbole für das Königs-Samadhi.

Meister Dogens ganzes Leben war ein unverfälschtes Sich-Vertiefen.

Selbst heute gibt es noch welche, die Großmeister Kobo kennen, ohne Zenmeister Dogen zu kennen. Großmeister Kobo rief ständig irgendwelche spirituellen Erscheinung hervor.
Ich bekomme häufig Matatabi ("Wieder auf die Reise gehen") Früchte aus Echigo zugeschickt. Im Begleitschreiben dazu steht, dass, als Großmeister Kobo einmal auf der Reise zusammenbrach, er auf der Stelle Früchte von einem Strauch aß, um wieder zu Kräften zu kommen und die Reise fortzusetzen. Deshalb heißen die Früchte heute "Matatabi". Jeder ist von Großmeister Kobo beeindruckt, denn alles was er tat, wurde zu einem spirituellen Ereignis.
Bei Zenmeister Dogen finden wir dagegen nicht das geringste spirituelle Ereignis.
"Sitz einfach! Shikantaza!" - das ist nicht so beeindruckend.
Doch wie könnte das, was Normalbürger spirituelle Erscheinungen oder erbauliche Wohltaten nennen, je etwas mit der Buddhalehre zu tun haben?
Buddhalehre ist grenzenlos und für Normalbürger nicht zu begreifen.

Keine Götzen außerhalb der Buddhapraxis, die Lehre: Undenken - das sind die Grundsätze Meister Dogens.

Undenken bedeutet, dass das Rauschen von Irre und Erwachen verstummt.

"Denken auf dem Grund des Nicht-Denkens" - was weder Worte noch Geist ausdrücken.
Denke es, indem du stirbst!

"Den Buddhaweg ergründen heißt sich selbst ergründen. Sich selbst ergründen heißt sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen heißt von den zehntausend Dingen bestätigt werden." (Shobogenzo Genjokoan)
Das bedeutet, dass ich selbst gemeinsam mit den anderen Buddhaschaft erlange.

Eine Sache, die an Meister Dogen fasziniert, ist, dass er sich selbst als Buddhalehre ins Auge fasst, anstatt Märchen für Normalbürger als Buddhalehre auszugeben.
So spricht er zum Beispiel vom Fahrzeug des einen Buddha, er trennt keinen Amithaba vom Shakyamuni. Und für ihn bedeutet die Übung des Zazen selbst das Gedeihen der Buddhalehre, und nicht etwa das Errichten von Tempelhallen und Pagoden.
Meister Dogens Zazen ist ein vollkommen transparentes Zazen. Es bringt dem Normalbürger überhaupt nichts.
"Übe die Buddhalehre nicht um deiner selbst willen. Übe sie nicht, um dir einen Namen zu machen. Übe sie nicht, um Verdienste zu erwerben. Übe sie nicht, um spirituelle Erlebnisse zu haben. Übe die Buddhalehre einfach der Buddhalehre zu Liebe." (Gakudoyojinshu)
Das ist seine Buddhalehre.

Meister Dogen "kehrte mit leeren Händen heim". Als er zurück nach Japan kam, zeigte er kein Satori herum wie andere ihre Tätowierung. "Durch Zazen zum Satori gelangen" - ganz offen und ungekünstelt löst uns seine Heimkehr mit leeren Händen von dieser verkrampften Behauptung.

In unserer Religion gibt es Erwachen bereits seit ewiger Vergangenheit. Wir müssen es lediglich in die Praxis umsetzen.
"Wenn dein Leib aus dem ursprünglichen Erweis hervorkommt, wirkt die Praxis überall in diesem Leib." (Shobogenzo Bendowa)

"Seit über zweitausend Jahren werden wir vom ehrwürdigen Shakyamuni in unserer Übung des Erwachens vorangeleitet", sagt Meister Dogen.
Hoppla, wenn wir nicht aufpassen, könnten wir meinen, wir müssten erst noch zum Erwachen kommen!

Übung, die über den Erweis hinausgeht, bedeutet, dass die Lücke zwischen uns und Buddha verschwindet.

Untrennbarkeit von Übung und Erweis bedeutet: "Übung ist Satori!"

Wenn du deinen Reis isst, dann isst du und isst du und isst du, und dein Bauch füllt sich - nicht wahr? Genau das ist es, was "Einheit von Übung und Erweis" bedeutet.
Wenn du dir einmal den Bauch vollschlägst, heißt das nicht, dass du nie wieder zu essen brauchst. Du musst dein ganzes Leben lang täglich essen. Genauso musst du auch mit der Übung lebenslang fortfahren.

Wenn du dich so sehr auf dein Koan konzentrierst, dass dich kein einziger Gedanke mehr stört, bedeutet das nur, dass du deine störenden Gedanken für den Augenblick in die Ecke geschoben hast. In Meister Dogens Shikantaza ("Einfach Sitzen") gehen wir dagegen auf's Ganze.

Dass Zazen von Buddhas und Patriarchen authentisch weitergegeben wird, heißt, dass es sich keiner von uns ganz allein ausgedacht hat. Weitergabe bedeutet nicht den Transport irgendwelcher Güter.

"Andere hinüberzuretten, bevor ich mich selbst rette" bedeutet das Extrem der Selbstlosigkeit, an dem ich mich selbst auswerfe und die Trennung von mir selbst und den leidenden Wesen aufhebe.

Das Herz entfachen bedeutet, vor der eigenen Rettung die anderen hinüberzuretten. Vor der eigenen Rettung die anderen hinüberzuretten bedeutet, dass ich und alle leidenden Wesen dieser grossen Erde zugleich den Weg erlangen. Es bedeutet am eigenen Leib zu erfahren, dass Berge und Flüsse, Gräser und Bäume, alles Land der Erde sämtlich Buddhanatur sind. Mit anderen Worten, es bedeutet nach Hause zurückzukehren.

Im Zazen-Yojinki ("Aufzeichnungen worauf du beim Zazen achten musst") heißt es:
"Zazen ist wie das friedliche Sitzen nach der Heimkehr." Erschöpft nach Hause kommen und sich in Ruhe hinsetzen, das bedeutet Zazen. Und nicht nur Zazen: Meister Dogen lehrt, dass einer, der Zazen übt, auch isst und kocht. Aus diesem Geist entspringt sein Tenzo-Kyokun ("Anweisungen für den Koch").

Das Eihei-Shingi ("Reine Regeln des Eihei") spricht davon, wie wir mit Händen und Füssen aufräumen, wie wir in unserem Leben aufräumen. Doch da gibt's Wissenschaftler, die verlautbaren: "Wir sind im Eihei-Shingi auf interessante Quellentexte gestossen!"

Die Buddhalehre ist unser Verhalten. Unser Verhalten muss zur Buddhalehre werden.
Als Buddha noch lebte, verhielten sich alle richtig. Meister Dogen lehrte keine unerschütterliche Ruhe des Geistes, sondern unerschütterliche Ruhe des Körpers.

Die Grundlage unseres Benehmens muss es sein, Mund, Zunge, Nase, Auge und Ohr nicht zu beleidigen. Wir müssen genau auf unsere Haltung achtgeben. Ein Mönch muss auch die Einstellung eines Mönches haben.

In unserer Religion ist der Sinn des Essens nicht blosse Nahrungsaufnahme. Essen ist absolut Essen.

Wichtig ist genau der Ort, den du unter deinen Füssen hast.

Kein Fisch sagt: "Ich hab' das ganze Wasser schon durchschwommen." Und kein Vogel sagt: "Durch den Himmel bin ich bereits durchgeflogen." Trotzdem schwimmt der Fisch im ganzen Wasser, und der Vogel fliegt im ganzen Himmel. Sowohl Hering als auch Walfisch schwimmen im ganzen Wasser. Nicht Quantität sondern Qualität ist das Problem.
Der Wirkungskreis unserer Hände und Füsse ist nicht mehr als ein Quadratmeter,und dennoch wirken wir im ganzen Universum.

Es heißt, dass wenn der goldene Phönix mit den Flügeln schlägt, er das ganze Wasser aus dem Meer schüttet, und die Drachen am Meeresgrund zum Vorschein kommen. Der Phönix schnappt sie sich und frisst sie auf. Doch selbst dieser Phönix wird den Himmel nie ganz durchgeflogen haben. Andererseits fliegt selbst ein Spatz, wenn er fliegt, stets im ganzen Himmel. Das bedeutet Verwirklichung offenbarer Tiefe. Es bedeutet, endlosen Raum und endlose Zeit hier und jetzt zu leben.

Buddhalehre heißt Ewigkeit in diesem Moment zu praktizieren.

"Tausend Sutras und zehntausend Erkenntnisse reichen nicht an einen einzigen Erw eis heran" (Shobogenzo Den-e). Buddhalehre ist vor allen anderen Dingen Erweis.

In der Mitte des sino-japanischen Schriftzeichens "Ben" in "Ben-dowa" ("Gespräch über das Ergründen des Weges") findest du das Zeichen für "Kraft". Deshalb bedeutet "Ben-do" seine Kräfte für den Weg zu erschöpfen.

Ein Christ fragte mich einmal: "Mein Pfarrer hat gesagt, dass keine Religion soviele Lügen verbreitet wie der Buddhismus. Stimmt das wirklich?"
Da habe ich geantwortet: "Da hast du den Nagel genau auf den Kopf getroffen, sch laues Kerlchen!"
Sowohl das Lotus-Sutra als auch das Blumenglanz-Sutra und das Shobogenzo sind nichts als lauter Lügen, wenn sie nicht in die Praxis umgesetzt werden. Ohne Zazen ist Buddhismus eine reine Lüge.

"Die eine grosse Sache meines lebenslangen Forschens wurde hier abgeschlossen" (Shobogenzo Bendowa). Das ist nichts besonders Grossartiges. Bei allen von uns ist die eine grossen Sache unseres lebenslangen Forschens bereits abgeschlossen. Keinem Menschen fehlt irgendetwas. Shakyamuni unterscheidet sich da kein bisschen von mir.
Sich selbst für töricht zu halten, das ist die törichste Sache von allen.

Laut Meister Dogen spielt es keine Rolle, ob wir erwacht sind oder nicht: "Die Augen liegen waagrecht, die Nase steht senkrecht." Viel mehr ist nicht dran am Menschen, egal ob erwacht oder unerwacht.

Da gab's mal einen, der Meister Dogen "unvollendet" nannte. Nun denn, soll das etwa heißen, dass er selbst vollendet ist? Was vollendet ist, ist darum nicht besser: Fertigprodukte sind eine Ecke weniger wert.

"So wie es ist" - Untrennbarkeit von Sein und Nichts heißt "So". Was weder Sein noch Nichts ist, ist "wie es ist". Sein bedeutet Gestalt und Unterschiede. Nichts bedeutet Gestaltlosigkeit und Leere.

Von Zeit zu Zeit passiert es, dass es uns so vorkommt, als wären Gut und Böse ausgemachte Dinge. Meister Dogen sagt: "Gut und Böse sind Zeit. Zeit ist nicht gut oder böse" (Shobogenzo Shoakumakusa). Wir müssen von dort beginnen, wo es weder Gut noch Böse gibt.

Meister Dogen spricht: "Wenn du die Gefahr in der Welt erkennst, gibt es für dich keine Gefahr mehr in der Welt."

Es gibt keine Laufbahn im Mönchsleben. Wer versucht, als Mönch Karriere zu machen, ist umsonst in die Hauslosigkeit gezogen. Niemand verabscheute die Ruhmsucht so sehr wie Meister Dogen.

Die Menschen in der Welt verstehen höchstens, dass "Not erfinderisch macht". Doch der zweite Patriarch unterwarf sich Bodhidharma so weit, dass er sich sogar seinen Arm im Schnee abschnitt. Was hat es ihm eingebracht?
Am Ende wurde er von Feinden des Buddhismus verraten und ermordert. Nicht gerade das, was sich Menschen erhoffen.


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