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31. An dich, der du sagst, dass der Buddhismus nichts mit dir zu tun hat

Im Gefängnis werfen sich die Sträflinge vor dem Wachpersonal in die Brust und tönen: "Seht euch doch mal an, ohne uns hättet ihr keine Brötchen zu futtern!" Genauso ist es mit uns Normalbürgern: Eben weil es uns gibt, gibt es die Buddhas. Ohne uns Normalbürger wären die Buddhas längst arbeitslos.
Normalbürger und Buddhas sind in diesem Sinne nicht verschiedene Wesen, sondern stehen miteinander in Beziehung.

Bodhisattva bedeutet einen, der die leidenden Wesen erweckt.
Er ist ein Normalbürger, der das Ziel, das "Buddha" heißt, entschieden und klar vor Augen hat.

Bodhisattva bedeutet einen Normalbürger auf der Suche nach dem Weg.

Bodhisattva zu sein bedeutet, sich inmitten des Erwachens zum Verirren zu wagen.
Sag nicht: "Ich bin erwacht - sollen die Normalbürger doch sehen, wo sie in ihrer Irre bleiben!"
Weil wir uns in der Bodhisattva-Übung wagen, uns mit den Normalbürgern gemeinsam zu verirren, ist solche Übung masslos gross und unbegrenzt weit.

Den Geist des Erwachens (Bodhi-Geist) zu entfachen bedeutet, "andere hinüber zu retten, bevor ich mich selbst rette". Das heißt, dass ich kein bisschen verschieden vom Rest der gesamten leidenden Wesen bin.

Wenn du von Buddha sprichst, denkst du an ein fernes Ding, das mit dir nichts zu tun hat, und deshalb läufst du nur leer im Kreis herum.

Wenn Buddha bloss ganz für sich da drüben ein Buddha wäre, dann hätte das mit Buddha auch nicht das Geringste zu tun. Eben gerade deshalb, weil er sich auf die leidenden Wesen bezieht, ist Buddha ein Buddha.

Wenn es einen Gott außer mir geben soll, dann ist das eine häretische Lehre von Gott und Selbst. Ich selbst muss Gott sein. Wenn es den Gott, der sämtliche Dinge geschaffen hatte, irgendwo außerhalb geben soll, hat das mit Buddhalehre nichts zu tun.

Durch Zazen werden wir nicht zu Buddha. Wir waren bereits Buddha, bevor wir mit dem Zazen anfingen. Und es ist nicht mehr als unser Traum, wenn dieser Buddha sich ärgert, weint oder schläft.

Normalbürger werden von ihrer karmischen Konditionierung herumgezerrt. Während sie die Welt vom Standpunkt ihrer konditionierten Gefühle aus betrachten und sich dabei gegenseitig die Laune verderben, fahren sie fort, von einem Leben ins nächste, von einer Welt in die nächste gezerrt zu werden. Dies nennt man das Herumtreiben im Strudel der Wiedergeburten.
Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als uns jetzt - inmitten dieser karmischen Konditionierung - von diesem Karma zu lösen. Wenn wir für einen Augenblick die Brille unserer konditionierten Gefühle abnehmen, erkennen wir, was Shakyamuni Buddha in seinem Erwachen sprach: "Die grosse Erde und alle Lebewesen auf ihr erreichen in diesem selben Augenblick den Weg. Berge und Flüsse, Gräser und Bäume sind ohne Ausnahme die Buddhanatur."
Das heißt, dass in Shakyamunis Augen kein einziger von uns in der Irre ist. Es sind wir leidenden Wesen, die eigensinnig darauf bestehen, in der Irre zu ein.
Shakyamunis Barmherzigkeit - oder die Lehre Buddhas - besteht darin, uns zu dieser Tatsache aufzuwecken.

Normalbürger sind durchtriebene Charaktere: Hungergeister, Biester und Höllenbewohner - alle möglichen seltsamen Eigenarten bleiben an ihnen kleben. Am Ende sind sie nichts als ein Haufen Eigenarten.

Früher gab es eine Menge wunderliche Ereignisse. Doch im Neonlicht heutiger Tage erscheinen keine Gespenster mehr. Sie haben keinen Platz mehr, um sich zu verstecken. Wie dem auch sei - den Menschen von heute ist es ein Leichtes, eine in allen Regenbogenfarben leuchtende Aura zu erzeugen.
Doch die Menschen, die sich in letzter Zeit so über ihre Vorfahren in alter Zeit lustig machten, haben begonnen, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Die wirklichen Geister und Gespenster, das sind die, die an ihr "Ich" glauben, dessen karmisches Irren sich bis in die Finsternis anfangsloser Vergangenheit erstreckt. Die Anzahl dieser Gespenster nimmt kein wenig ab.

Normalbürger und Buddhas haben die selbe Gestalt. Erwachen und Verirren haben die selbe Gestalt.

Allwissenheit bedeutet zu wissen, dass Buddhaschaft keine Ritzen hat, aus denen wir hinausplumsen könnten.
Der Nachtzug trägt uns weiter im Schlaf.

Die Buddhas in allen drei Welten tragen uns leidende Wesen auf den Schultern, deshalb sind sie stets inmitten der Irre.
Sämtliche leidende Wesen werden von den Buddhas der drei Welten gerettet, deshalb sind sie inmitten des Erwachens.

Im Kapitel über das Mass der Lebenslänge im Lotus-Sutra heißt es: "Seit ich Buddhaschft erlangt habe sind unzählige Billionen und Billiarden von Kalpas vergangen."
Das gilt nicht nur für Shakyamuni. Es gilt auch für Sawaki Kodo, und also auch für jeden anderen, dass seit der Erlangung der Buddhaschaft endlose Kalpas vergangen sind. Das ist die Behauptung des Lotus-Sutra. "Buddhaschaft seit Ewigkeiten" ist kein Privileg von Shakyamuni.
Deshalb üben wir nicht, um von jetzt an Satori zu erreichen. Wir üben nicht, indem wir einem privaten Satori hinterherlaufen. Wir sind von Natur aus bereits seit Ewigkeiten wahrer Buddha: Zazen bedeutet nichts anderes, als die Praxis von Buddhas auszuüben. Deshalb spricht man von Buddhapraxis.

Wenn wir die Buddhalehre ausüben, sind wir Buddha. Oder besser: Eben weil wir Buddha sind, sind wir im Stande, die Buddhalehre auszuüben.

Sowohl Amida als auch Kannon, sowohl Yakushi als auch Monju und Fugen sind Ausdruck dessen, was in Shakyamuni steckt.

Wenn du fragst, wer Shakyamuni ist, würde ich sagen: Eher als weißes Papier, so wie der blaue Himmel - vollkommen transparent, und mit allen leidenden Wesen überall verbunden.

Buddhalehre ist subjektive Wirklichkeit. Wo diese zur persönlichen Ansicht herabsinkt, wird sie zum Kleinen Fahrzeug (Hinayana). Das Grosse Fahrzeug (Mahayana) ist anders: Es bedeutet, dass sich die Naht zwischen mir und Buddha auflöst, und zugleich, dass sich auch die Naht zwischen mir und den leidenden Wesen in der Hölle auflöst.

Die Milliarden von Ländern in den zehn Richtungen des Universums liegen alle in der Distanz "zwischen mir selbst und mir selbst".

Buddha muss sich in Beziehung zu allen leidenden Wesen setzen. Wenn einer sein Kind verliert muss er gemeinsam mit ihm Tränen vergiessen. Es ist feige zu behaupten, man halte sich frei vom Gruppenwahn, nur um dem Umgang mit Menschen zu entgehen.

Was ein Krämer aus Gier tut, tut ein Buddhist aus Güte. Deshalb musst du die Regeln der Welt genau kennen.

Du glaubst, Buddhismus unterscheide sich ein wenig vom Rest der Dinge. Aber so ist es nicht: Buddhismus geht "von A bis Z". "Alles von A bis Z ist ein Spross von mir selbst" - so betrachtet die Buddhalehre die Dinge.

Wenn Erwachsene nur noch erwachsen sind, wachsen die Kinder nicht auf. Wenn die Kinder weinen, musst du mit ihnen weinen.
Erwachsene müssen Kinder sein, Kinder müssen erwachsen sein.

Buddhas und Normalbürger, Buddhalehre und die Spielregeln der Welt, Erwachen und Verirren, Hinaufsteigen und Hinuntergehen, Weisheit und Barmherzigkeit - dazwischen muss ein reger Verkehr herrschen.

Niemand verlangt, dass du zum Leckermaul wirst. Oder auf der Leiter ständig nach oben kletterst. Aber wenn du zu blöd bist, um den Appetit eines Menschen auf Leckereien und seinen Ehrgeiz, Karriere zu machen, zu verstehen, dann ist etwas mit dir nicht in Ordnung.

Erwachen ist wie das Hacken einer Axt. Da wird nicht herumgehobelt. Es ist einfach die Entwicklung von Gleichheit, ohne Rückfall in Differenz.

Alter Geist ist gütiger Geist ist elterlicher Geist. Er widerspricht jeder Theorie vollkommen. Elterlicher Geist ist voller Widersprüche:
Iss bloss keinen Kugelfisch auf der Reise, oder du bist enterbt!
Wie kalt das Papierfenster, wenn kein Kind mehr ein Loch hinein reißt!

Die Basis der Soziologie muss darin bestehen, den Geist aller leidenden Wesen zu seinem eigenen Geist zu machen.


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