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34. An dich, der du es auf die endgültige Zielrichtung des Lebens, so wie sie Zen lehrt, abgesehen hast

Es muss so sein, doch es kann so sein wie es will.
Nichts muss in irgendeiner bestimmten Weise sein, doch es muss in der höchsten und besten Weise sein.

Sen-no-Rikyu beauftragte einmal einen Handwerker, einen Nagel in einen Pfeiler zu schlagen. Nach viel hin und her gab er ihm die genaue Stelle an. Der Handwerker machte dort ein kleines Zeichen und gönnte sich darauf erstmal eine Pause. Als er sich schliesslich daran machte, den Nagel einzuschlagen, fand er sein Zeichen nicht wieder. Wieder überlegte Sen-no-Rikyu hin und her, und als er schliesslich "Hier, hier ist die Stelle!" ausrief, stellte sich bei genauem Hinsehen heraus, dass es genau dieselbe Stelle war, an der der Handwerker zuvor sein Zeichen gemacht hatte.
Inmitten reiner Gestaltlosigkeit gibt es eine endgültige Zielrichtung. Genauso gibt es endgültige Gesichtszüge unter den Gesichtszügen der Menschen.

Mystische Kräfte bedeuten nichts anderes, als dass die Gesichtszüge nicht verschwimmen.

Wir glauben, dass wir ständig von unseren Gefühlen in die Irre getrieben werden, und dass nichts daran geändert werden kann. Wir glauben, dass es ein hin und her ziehen zwischen der Buddhalehre und unseren verirrten Gefühlen gibt. Doch das ist verkehrt. Die Buddhalehre besagt, dass wir uns kein bisschen von Buddha unterscheiden. Alle Dinge sind Gestalt der Wahrheit.
Was wir in der Buddhalehre lernen, sind die Handlinien der Übung.

Übung bedeutet mit Leib und Seele zu ergründen: "Was kann ich in diesem Moment für den Buddhaweg tun?"

Es geht darum, sich nach oben und unten, links und rechts umzusehen, ohne das exakte Augenmerk für den gegenwärtigen Ort und Augenblick zu verlieren.

Das Wesen des Wirkens und Wirken des Wesens von Buddhas und Patriarchen bedeutet den "empfindlichen Punkt".

Gut und Böse gibt es nur im Augenblick. Doch in diesem einen Augenblick gibt es das ewig Gute und das ewig Böse.

Alles was wir tun erschöpft die letzten Winkel des Universums. Dieser Augenblick ist ewig - und das ist alles, wofür wir uns mit Leib und Seele hingeben.

Was muss mit was begegnet werden? - hierum dreht sich unser Bemühen.

Auch das Geben muss eine Zielrichtung haben. Du darfst einem Räuber nicht die Schlüssel und Pistole geben. Dabei muss sowohl Mut als auch Weisheit im Spiel sein.

Sich in die Vergänglichkeit aller Dinge zu vertiefen bedeutet, sich in jeden einzelnen Augenblick zu vertiefen, ohne am Ziel vorbeizuschiessen.
"Wie ist es in diesem Fall hiermit?" - sich jedem einzelnen Fall des gesamten Lebens in dieser Weise hinzugeben bedeutet, sich in die Vergänglichkeit zu vertiefen. Vergänglichkeit bedeutet nicht bloss, dass wir Menschen alle sterben.

Unsere Gestalt als Menschen verändert sich von Augenblick zu Augenblick, genau so wie eine brennende Flamme. Es scheint nur so, als ob unser Körper mehr oder weniger die gleiche Gestalt bewahrt.

Alle Dinge sind mitten in der ursprünglichen Nichtexistenz aller Dinge enthalten.

Nirvana bedeutet "Ungeboren-ungestorben".

Die grundsätzliche Geisteshaltung in der Buddhalehre ist: "Kein Individuum!"

Nicht-Ich bedeutet nicht Zerstreutheit. In der Boddhisattva-Übung des Grossen Fahrzeugs (Mahayana) geht es darum, nie unaufmerksam zu sein. Im Kleinen Fahrzeug (Hinayana) sind Idioten gefragt, doch im Grossen Fahrzeug werden die Idioten erstmal auf Vordermann gebracht.

Eine Photographie, die nur "irgendwie" abbildet, taugt nichts.

Übung auf dem Buddhaweg bedeutet eine Einstellung auszubilden.

Galoppier nicht wie ein Hengst. Geh wie ein Ochse!

Das Problem, um das es dem Mahayana-Buddhismus geht, ist die Lebenseinstellung.

Selbst bei einer Teetasse stellt es einen grossen Unterschied dar, ob du sie bloss hinwirfst, oder ob du sie bis zum Schluss in der Hand führst.

Die Grundlage aller Handlungen ist es, sie bis zum Schluss durchzuführen. Wenn du auch nur für einen Augenblick abwesend bist, bist du nicht anderes als ein Toter.

Worauf es ankommt, ist, Muskeln und Sehnen richtig entspannt anzuordnen. Es geht darum, ein Mensch ohne Lücken zu werden - darum, die geeignete Spannung und Ordnung der Muskeln und Sehnen auszubilden.

"Was für ein Bild mache ich in den Augen der Menschheit?" - auch hierin müssen wir uns mit Leib und Seele vertiefen. "Wie erscheine ich in den Augen eines Reichen?" "Wie in den Augen eines Armen?" "Wie sieht mich ein Abendländer?" "Und wie sieht mich ein Marxist?" "Was bin ich in den Augen des Premierministers?" - Du musst etwas an dir haben, dem der Lack nicht abfällt, aus welcher Richtung auch immer du es betrachtest.

Wenn du nicht aufpasst, wirst du als Buddhist überflüssig.

Worum geht es in der Buddhalehre? Darum, dass das gesamte tägliche Leben von Buddha her gezogen wird.

Nur mit dem ewigen Weg werden wir uns einverstanden erklären. Ewiger Weg - das bedeutet ständiges Aufgehen in ertragloser Übung.

Es reicht nicht, nur einmal ins Schwarze zu treffen.
"Volle Punktzahl" im letzten Jahr ist nichts wert. Genau jetzt musst du ins Schwarze treffen.
Verschwende keine Gedanken an früher oder später,
sei frei in der Mitte dieses Augenblicks!

Einfach den Reisbrei essen. Bei diesem "einfach tun" gibt es weder hochgestellt noch niedrig, weder schlau noch dumm. Auch keine Irre und kein Satori.
Dieses "einfach tun" ist die Essenz des Buddhawegs, und genau dieses "einfach tun" ist es, was niemand auf der Welt versteht.

Alles leidet an falsch übergestülpten Lebensansichten. Deshalb ist es um die Menschheit zu erlösen notwendig, diese Lebensansichten von Grund auf neu zu durchdenken - auf einer Basis, die absolut keinen Zweifel zulässt. Das Leben auf der Basis, die absolut keinen Zweifel zulässt, zu betrachten, bedeutet mit der Weisheit Buddhas zu betrachten.

Buddhaweg bedeutet zu glauben (d.h. klären), was sich von vornherein von selbst versteht. Es bedeutet Undenken.


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