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35. An dich, der du noch immer unzufrieden mit deinem Zazen bist
(von Uchiyama Kosho)

Die Praxis einfachen Sitzens (Shikantaza), von der Dogen Zenji spricht, ist das, was mein Lehrer Sawaki Kodo Roshi als das "Zazen des Nur-Sitzens" lehrte. Deshalb stellt es auch für mich eine selbstverständliche Tatsache dar, dass korrektes Zazen aus der Praxis von Nur-Sitzens (Shikantaza) besteht. Das heißt, dass der Sinn von Zazen nicht daran liegt, Kensho ("Wesensschau") zu erleben oder sich durch einen Berg von Koans durchzuarbeiten um eine "Urkunde der Erleuchtung" (Inkashomei) zu erhalten. Zazen bedeutet einfach nur zu sitzen.

Nun ist es aber eine Tatsache, dass es selbst unter den Anhängern der auf Dogen Zenji zurückgehenden Soto-Schule in Japan nicht wenige Praktizierende gibt, die Zweifel an diesem Zazen hegen. Diese Praktizierenden berufen sich beispielsweise auf Schriftstellen wie:
"In der Halle: 'Ich habe nicht viele Klöster besucht. Ich habe mich bloß unter meinem Meister Tendo in aller Ruhe vergewissert, dass die Augen waagrecht liegen und die Nase senkrecht steht. Nun kann mich keiner mehr an der Leine herumführen. Mit leeren Händen kehrte ich zurück.' (Eihei Koroku, 1.Kapitel)
"Ich reiste in das Sung-China, besuchte Meister in allen Teilen des Landes und studierte die fünf Häuser des Zen. Schließlich traf ich meinen Meister Nyojo auf dem Taihaku-Gipfel, und dort klärte sich die große Sache lebenslanger Übung." (Shobogenzo Bendowa)
Deshalb sagen sie dann: "Spricht nicht Dogen Zenji selbst davon, dass er sich vergewissert habe, dass die Augen waagrecht liegen und die Nase senkrecht steht, und dass er die große Sache lebenslanger Übung geklärt habe? Was für einen Sinn könnte es da haben, wenn ein Normalbürger ohne eine Spur von Satori 'einfach nur sitzt'?"

Ich kann mich noch zu gut daran erinnern, selbst einmal solche Zweifel mit mir herumgetragen zu haben, und nicht nur ich allein hatte diese Zweifel: Nicht wenige von den Zen-Praktizierenden, die sich um Sawaki Roshi scharten, gaben das Zazen des "Nur-Sitzens" auf, um Kensho-Zen oder Koan-Zen auszuprobieren. Deshalb verstehe ich diese Zweifel gut.
Wir müssen wissen, dass Sawaki Roshi den Charakter eines Zenmeisters hatte, wie man ihn sich nur vorstellt, und auch als Mensch über großes Charisma verfügte. Deshalb wurden viele, die Sawaki Roshi zum ersten Mal trafen, von ihm angezogen, so wie Eisenstaub von einem Magneten angezogen wird. Wenn der Roshi deshalb sagte, dass "Zazen überhaupt nichts bringt" (dies war Sawaki Roshis Ausdruck für das Zazen, bei dem es nichts zu gewinnen und nichts zu erkennen gibt), dann glaubten sie, dass er das nur so dahinsage, und dass ihnen ihre Praxis des Zazen irgendwann doch noch einmal "irgendetwas" einbringen werde. Ich glaube, das galt für viele, die unter Sawaki Roshi praktizierten.
Wer von außerhalb nur zum Zazen in den Tempel kommt oder ab und zu an einem Sesshin teilnimmt wird diese Zweifel vielleicht nicht haben, doch wer sich dazu entschließt, sein bisheriges Leben aufzugeben um Mönch zu werden, und der dann als Teil unserer Mönchsgemeinschaft um Sawaki Roshi mit dem alltäglichen, intensiven Zazen-Leben zu beginnen, der wird früher oder später anfangen, seine Zweifel an Shikantaza zu haben. Und zwar deshalb, weil man nie völlig zufrieden mit seinem Zazen ist, so viel man auch sitzt. "Nicht völlig zufrieden sein" bedeutet, dass einem das Gefühl des vollen Magens wie nach einer reichlichen Mahlzeit fehlt. Wenn ich deshalb sage, dass wir mit unserem Zazen nicht zufrieden sind, meine ich, dass uns das Gefühl fehlt, Satori im Magen zu haben.
Viele der jungen Menschen, die sich mit Leib und Seele der Zazen-Praxis widmeten, begannen sich deshalb irgendwann zu fragen, ob sie nicht ihre Jugend mit diesem Zazen verschwendeten, das ihnen nicht das geringste Völlegefühl verleiht. Und sobald dieser Zweifel einmal zum Vorschein kommt, heißt es als Nächstes: "Sind nicht selbst die älteren Schüler, die mit der Übung dieses Zazen schon seit Jahren fortfahren, im Grunde alle nur Normalbürger? Wir brauchen doch Satori!"

Zu viele haben auf diese Weise die Praxis aufgegeben. Mich selbst brachten diese Zweifel fast zum Platzen, doch letztlich folgte ich Sawaki Roshi bis zu seinem Tod für 25 Jahre und fuhr so mit dem Leben der Zazen-Praxis fort. Ich verstehe also die, die diese Zweifel hegen, doch ich habe auch die Bedeutung des Shikantaza, von dem Dogen Zenji und Sawaki Roshi sprechen, endlich verstanden. Deshalb möchte ich hier versuchen, so etwas wie eine Übersetzer-Rolle zwischen den beiden Standpunkten zu spielen. Wenn ich "Übersetzer" sage, so bedeutet das nicht nur, dass viele Zen-Prakitizierende die Worte Dogen Zenjis oder Sawaki Roshis nicht verstehen, sondern auch, dass Dogen Zenji und Sawaki Roshi unsere tiefen Zweifel und Probleme zwar verstehen, dass ihre Worte jedoch manchmal nicht so weit reichen, die Wurzel unserer Zweifel und Probleme wirklich zu berühren. Deshalb erlaube ich mir so anmassend zu sein, im Folgenden den Versuch zu unternehmen, Dogen Zenjis und Sawaki Roshis Worte auf meine eigene Weise auszulegen und zu kommentieren.

Was heißt das konkret? Nehmen wir als Beispiel den Satz: "Ich vergewisserte mich, dass die Augen waagrecht liegen und die Nase senkrecht steht. Keiner konnte mich mehr an der Leine herumführen. So kehrte ich mit leeren Händen zurück."
Wie wäre es, dies so zu lesen: "Ich vergewisserte mich, dass ich lebe, indem ich diesen Atemzug in diesem Moment tue."
Der Grund, weshalb ich eine solche Interpretation vornehmen kann, liegt darin, dass ich das Shobogenzo weder als ein Buddhologe lese, dem es nur darum geht, Ordnung in den Komplex der Schriftzeichen zu bringen, noch als einer von den Sektierern, denen jedes einzelne Schriftzeichen so heilig ist, dass sie es - genau wie eine Konservendose, die niemals geöffnet wird - verabsolutieren und sich davor in den Staub werfen. Ich lese dagegen mit den Augen eines Wegsuchers, dem es darum geht, den vollkommen neuen Weg des Lebens zu ergründen, auf dem ich mein in jedem Augenblick vollkommen neues, eigenes Leben leben kann. Und ich glaube, dass es genau das ist, was "mit der alten Lehre auf den eigenen Geist reflektieren" bedeutet, oder was auch als "dem Buddhaweg folgen heißt sich selbst folgen" ausgedrückt wird.

Wie dem auch sei, wenn wir die Stelle über die waagrechten Augen und die senkrechte Nase als Ausdruck unseres vollkommen neuen, eigenen Lebens lesen, dann dürfen wir nicht in einer flachen und statischen Interpretation stecken bleiben, sondern müssen diese Stelle dynamisch, als das frische Leben interpretieren, das daraus besteht, diesen Atemzug in diesem Augenblick zu tun. Und wenn wir dieser Lesart folgen, dann begegnen wir hier der selbstverständlichsten Tatsache unseres eigenen Lebens, keinem Mysterium wie dem, durch Zazen zu "Satori" zu geraten.
Deshalb heißt es ja auch am Anfang des Fukanzazengi: "Der Weg ist allgegenwärtig und abgeschlossen. Wozu noch Praktizieren und Bezeugen? Die Wahrheit offenbart sich überall von selbst, wozu sich abmühen, um sie zu ergreifen?"
Und was bedeuten die folgenden Strophen?: "Ein Haarbreit von Differenz spaltet den Himmel von der Erde. Gehst du gegen die Strömung, so verlierst du deinen Geist."
Jeder von uns lebt ein Leben, das in jedem einzelnen Augenblick frisch und neu ist. Doch wenn wir über diese grundlegende Tatsache im Kopf nachdenken, bleiben wir bei dem stehen, was wir "begreifen" (das heißt, zu "Begriffen" umformen): Die "Lebensfrische", über die wir nachdenken, ist nicht mehr frisch, sie lebt nicht. Lebensfrische bedeutet Loslassen. Nur wenn wir es loslassen, ist das Leben frisch. Zazen ist die Haltung des Loslassens des Loslassens des...

Hier muss ich jetzt ein Wort über die tatsächliche Praxis von Shikantaza sagen: Wenn wir Zazen praktizieren, bedeutet das nicht, dass wir keine Gedanken hätten. Alle möglichen Gedanken tauchen an der Oberfläche unseres Bewusstseins auf. Doch wenn wir diesen Gedanken nachfolgen, dann fangen wir an, nachzudenken, selbst wenn wir in der Zazenhaltung sitzen. Dann müssen wir uns besinnen, dass wir gerade Zazen üben und keine Zeit zum Nachdenken haben. So korrigieren wir unsere Haltung, lassen die Gedanken los und kehren zum Zazen zurück. Dies wird "Aufwachen aus der Zerstreutheit" genannt.
Ein anderes Mal sind wir müde: Dann müssen wir uns besinnen, dass wir gerade dabei sind, Zazen zu praktizieren, und keine Schlafenszeit ist. Wir müssen die Haltung korrigieren, aufwachen und zurückkehren zum Zazen. Dies wird "Aufwachen aus der Trübnis" genannt.
Zazen bedeutet, sowohl aus der Zerstreutheit als auch aus der Trübnis für Milliarden von Malen aufzuwachen, und zum Zazen zurückzukehren. Lebensfrisches Zazen zu leben bedeutet Milliarden von Malen den Geist zu erwecken und übend zu bezeugen. Das selbe gilt für Shikantaza.
Es heißt, Dogen Zenji sei durch das Abfallen von Körper und Geist zu "Satori" gelangt, doch was ist eigentlich dieses "Abfallen von Kärper und Geist (Shinjindatsuraku)"? Im Hokyoki heißt es: "Der Abt sagte: 'Die Praxis des Zazen bedeutet das Abfallen von Körper und Geist. Das bedeutet, einfach zu sitzen (Shikantaza), ohne Weihrauch zu verbrennen, sich zu Boden zu werfen, den Namen Buddhas anzurufen, zu Beichten oder die Sutras zu lesen.' Ich verbeugte mich und fragte: 'Was bedeutet das Abfallen von Körper und Geist?' Der Abt antwortete: 'Das Abfallen von Körper und Geist bedeutet Zazen. Wenn du bloß Zazen praktizierst, hast du keine Begierden, du bist gelöst von der Illusion.'"
Das heißt, dass das Loslassen und Loslassen und milliardenfache Zurückkkehren zu Zazen selbst das Abfallen von Körper und Geist ausmachen, und nicht etwa irgendeine besondere mysteriöse Erfahrung.
Nur von dieser Art von Zazen kann man sagen, dass sie das Gesamte des Buddhadharmas manifestiert, und dass es nichts daneben gibt (Bendowa). Dieses Zazen wird auch "Haupteingang des Buddhadharma" genannt (Bendowa).

Ich möchte das Leben hier einmal mit einem Automobil vergleichen, in dem wir unser ganzes Leben über sitzen. Wenn wir mit dem Auto fahren, ist es gefährlich, am Steuer zu schlafen oder betrunken zu sein. Außerdem ist es riskant, während der Fahrt über andere Dinge nachzudenken oder nervös und verspannt am Steuer zu sitzen. Das gilt sowohl für das wirkliche Autofahren als auch für das Steuern des eigenen Lebens. Die Grundlage des Lebens muss darin bestehen, sowohl aus der Trübnis der Schläfrigkeit und Trunkenhait als auch aus der Zerstreutheit des Nachdenkens und der Nervosität neu aufzuwachen. Zazen bedeutet diese Grundlage des Lebens tatsächlich in die Praxis umzusetzen, deshalb kann es die "Gesamtschau des Buddhadharma" beziehungsweise "der Haupteingang des Buddhadharma" genannt werden. Das ist auch der Grund, weshalb Dogen Zenji eine "Empfehlung des Zazen für alle und jeden" (Fukanzazengi) verfasst hat, in der er die Praxis des Zazen erklärt.

"Der Buddhaweg verfügt über Gräser und Bäme, Steine und Ziegel, Wind und Regen, Feuer und Wasser als seinen Leib und seine Seele. Sich darin umzublicken und es als den Buddhaweg zu erkennen bedeutet, den Geist zu erwecken. Ergreife die Leere und bilde daraus Pagoden und Buddhas. Schöpfe das Wasser des Tales und erschaffe daraus Buddhas und Pagoden. Das bedeutet es, unbertreffliche, unvergleichliche Weisheit zu erwecken, es bedeutet den einmal erweckten Geist der Weisheit Milliarden von Malen zu erwecken. Auf diese Weise musst du übend erweisen." (Shobogenzo Hotsumujoshin)
Dieses "...den einmal erweckten Geist der Weisheit Milliarden von Malen zu erwecken" so zu interpretieren, als würden hier die noch nicht erleuchteten Zen-Praktizierenden aufgefordert, mit ihrer Übung nicht nachzulassen, ist ein großer Fehler. Das milliardenfache Erwecken des erwachten Geistes bedeutet nichts anderes als das lebensfrische Atmen des frischen Lebens. Diejenigen, die mit der Praxis des Shikantaza anfangen, bloß um bald wieder damit aufzuhören, weil es ihnen kein "Völlegefühl" verleiht und daher langweilg wird - diese Personen verstehen das milliardenfache Erwecken des erwachten Geistes nur intellektuell, im Kopf. Deshalb denken sie: "Wie unerhört! Solange ich noch kein Satori habe, muss ich den Geist Milliarden von Malen erwecken. Da muss ich mich aber beeilen, erst einmal zu richtigem Satori zu kommen, um die Milliarden von Malen mit einem einzigen Mal abzufertigen!"
Das ist so, als hörten wir als Säglinge, dass wir von nun an unser ganzes Leben über diesen Atemzug in diesem Moment tun müssen, und das für Milliarden von Malen. Würden wir da denken: "Wie unerhört! Ich muss einen Weg finden, das ganze Atmen meines Lebens mit einem einzigen großen Atemzug zu erledigen!"
Selbst wenn wir das versuchten, es würde uns kaum gelingen. Deshalb heißt es im Hotsumujoshin-Kapitel weiter: "Wenn gesagt wird, dass der Geist mit einem Mal erwacht und es danach kein Erwachen des Geistes gibt, und dass die Übung zwar endlos sei, doch der Erweis nur einmalig, dann entspricht das nicht dem Buddhadharma. Wer so etwas sagt, versteht den Buddhadharma nicht, er ist dem Buddhadharma nie begegnet." Wer versucht, sich mit einem einzigen Mal des "Satoris" zu bemächtigen, der kann nicht akzeptieren, dass wir unser Leben so frisch und lebendig leben müssen, wie es ist.
Selbst im rein biologischen Sinn können wir nur leben, indem wir unser ganzes Leben über den gegenwärtigen Atemzug im gegenwärtigen Augenblick tun. Wenn es deshalb um das Leben wirklicher Lebensfrische geht, ist es selbstverständlich nicht genug, über das eigene Leben nur im Kopf nachzudenken, sondern wir müssen es als das frische und lebendige Leben akzeptieren, das es ist. Nur so werden wir unsere eigene Lebenshaltung finden, die selbst frisch und lebendig ist. Das bedeutet es, dass die große Sache lebenslangen Übens sich klärt", und gleichzeitig, dass wir mit der wirklichen Praxis von Shikantaza beginnen können. Dies nennt man "Einheit von Übung und Erweis", "Übung auf der Grundlage des Erweises". Deshalb sagte Sawaki Roshi ständig: "Satori hat keinen Anfang, Praxis hat kein Ende!"


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