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4. An dich, der du plötzlich damit anfängst, über das Leben nachzugrübeln

Was für eine Schande, als Mensch geboren worden zu sein und sich sein Lebtag nur Sorgen zu machen. Du musst soweit kommen, dich darüber zu freuen, als Mensch geboren worden zu sein.

Geburt, Alter, Krankheit und Tod - um diese endgültigen Tatsachen können wir uns nicht herumdrücken.

Realität - unser Ziel muss sein, sie in den Griff zu bekommen. Wir dürfen nicht bei "Begriffen" stehen bleiben.

Seltsam, dass kein Mensch in der Welt ernsthaft über sein eigenes Leben nachdenkt.
Seit ewigen Vergangenheiten tragen wir etwas in uns herum, das noch unausgekocht ist. Doch wir beruhigen uns damit, dass es den anderen genauso geht: Das nenne ich Gruppenwahn. Wir glauben, wir müssten nur so sein, wie die anderen auch.
Satori bedeutet, sein Leben selbst zu gestalten. Es bedeutet, aus dem Gruppenwahn aufzuwachen.

In einem Teil der Mandschurei wurden die Wagen von großen Hunden gezogen. Dabei ließ der Kutscher ein Stück Fleisch von einer Angelschnur vor der Nase des Hundes baumeln. Der Hund rennt und rennt in dem Versuch, sich das Fleisch zu schnappen, doch er kommt nicht dran. Erst wenn der Wagen am Ziel angelangt ist, bekommt der Hund das Fleisch vorgeworfen: Mit einem Biss schlingt er es herunter.
Genauso geht es dem Menschen mit der Lohntüte: Bis zum 27. oder 28. rennt er der Lohntüte nach, die man ihm vor die Nase hält. Wird ihm sein Lohn ausgezahlt, verschluckt er ihn mit einem Bissen. Und rennt schon dem nächsten Zahltag nach...

Keiner blickt über seinen Tellerrand. Alles glaubt, dass das Leben irgendwie einen Sinn hat, dabei ist es doch nur genauso wie bei den Schwalben: Die Männchen sammeln Futter, die Weibchen brüten auf den Eiern.

Die meisten Menschen folgen keiner exakten Lebensanschauung. Sie behelfen sich nur mit provisorischen Lebensanschauungen, so wie sie eine Salbe auf die verkrampfte Schulter schmieren.

Die Frage ist: Worüber grübeln wir eigentlich so angestrengt nach?

Wenn wir nicht aufpassen, verbringen wir noch unser ganzes Leben mit nichts anderem, als darauf zu warten, dass unsere Normalbürger-Hoffnungen irgendwann einmal erfüllt werden.

In der Welt heißt es immer: Ich will dies tun, ich will das tun... Doch wenn du es dann wirklich in die Tat umsetzt, ist überhaupt nichts dabei.

Die Lebensberatungsecke in der Zeitung: Pass auf, dass du da nicht auch noch einmal mit deinen Problemchen landest!

Wie du es auch wendest, in der Welt dreht sich alles um's Ficken und Fressen.

Die Küken haben einen Regenwurm gefunden: Jetzt reißen sie sich darum. Das ist genau das Bild, das auch die Menschengesellschaft abgibt.

So wie Schneelawinen, die zu Tal stürzen, verstricken sich die leidenden Wesen in den sechs Welten (von Höllenbewohnern, hungrigen Geistern, Tieren, kämpfenden Dämonen, Menschen und Himmelswesen) von Tag zu Tag tiefer in ihre Illusion.
Zazen bedeutet, damit Schluss zu machen.

Die Menschen in der Welt verstehen etwas erst, wenn sie wissen, wofür es gut ist. Und wohin hat uns das geführt? Überhaupt nirgends!

Der Streit zwischen Kater und Gaul, was denn das Glück ausmache, soll nie zu einem Ende gekommen sein. Vertrau nicht auf's Horoskop: Wie wir unser Leben zu leben haben, steht nicht fest!

Es heißt, dass manchen ihr eigenes Geld zum Fallstrick wird. Wie gehen die nur mit ihrem Geld um?

Die Befriedigung, nach der alles in der Welt sucht, wird doch wieder von Unzufriedenheit abgelöst. Das Glück, von dem die Welt spricht, wird dem Unglück weichen.

Illusion bedeutet, keine Orientierung im Leben zu haben. Da die Orientierungslosen sich in Gruppen versammeln, ist es selbstverständlich, dass sich die Rowdys prügeln. Und es ist auch kein Wunder, wenn grundlose Kriege vom Zaun gebrochen werden.

Der Mensch macht ein kluges Gesicht - während er sich im Dunklen vorantastet.

Wenn du dich an diese seltsame vergängliche Welt gewöhnst, kommt sie dir noch ganz normal vor. Und obwohl es sich eigentlich von selbst versteht, dass das Überleben in dieser vergänglichen Welt anstrengender ist als Zazen, kommt es dir umgekehrt so vor, als ob Zazen härter als das Leben sei.

Wir haben uns an das Leben gewöhnt: Nur deshalb finden wir es "normal".

Dein Körper gleicht einem Geschwulst.

Auch ein Bettler lacht. Auch wer den Jackpot gewonnen hat, weint einmal wieder. Ist doch alles nichts Großes dabei.

Alle Dinge sind für etwas gut: Das macht sie zu illusionären Blasen und Schaum. Selbst was uns furchtbar wichtig vorkommt, ist nur eine Halluzination.
Das, was keine Fabrikation ist, ist für nichts gut: Es ist das, bei dem es nicht zu gewinnen gibt.
Alle Dinge sind relativ. Selbst die allerwichtigste Sache ist nur relativ.
Das, was darüber hinausgeht, ist das Absolute.

Als Menschen in diese Welt hineingeboren worden zu sein, ist keine kleine Sache. Wie schade wäre es da, wenn du eine Neurose entwickelst und in die Anstalt kommst. Oder dich darüberbeklagst, kein Geld zu haben. Oder ganz aus dem Häuschen bist, weil du dich frisch verliebt hast, und dann wieder ganz zerknirscht, weil sie mit dir Schluss gemacht hat. Und so weiter und so fort...
Da du nun einmal als Mensch das Licht der Welt erblickt hast, solltest du als Mensch auch ein wirklich lebenswertes Leben führen.

Buddhismus lehrt uns, dass es ein Glück ist, als Mensch in diese Welt geboren worden zu sein.

Samadhi bedeutet die Frage - "Wie Leben?" - in sich zu tragen.

Alles glaubt, dass Zufriedenheit nicht mehr bedeute als auf dem Sofa zu liegen oder im Thermalbad zu dösen. Nein: Zufriedenheit bedeutet, durchdrungen zu sein von Freude, Gelassenheit und Glück. Erst wenn du ganz im gegenwärtigen Augenblick anlangst, wirst du wirkliche Gelassenheit, Freude und Glück erfahren.

Normalbürger werden von ihren Trieben in den sechs Welten (von Höllenbewohnern, hungrigen Geistern, Tieren, kämpfenden Dämonen, Menschen und Himmelswesen) herumgewirbelt. Für sie gibt es nur Liebe oder Hass, Profit oder Verlust, Gutes oder Schlechtes, Sieg oder Niederlage.
Doch schließlich müssen wir doch erkennen, dass das alles nichts "bringt", und so kommen wir am Ende zur Übung des Zazen: Einfach praktizieren, was überhaupt nichts bringt.

Man nennt uns "Normalbürger", weil wir im Dunklen herumtappen, von etwas Verworrenem hinters Licht geführt. Was ist dieses Verworrene? Letztlich hat es keine Substanz. Deshalb bedeutet vom Verworrenen hinters Licht geführt im Dunkelen herumzutappen so etwas wie mit Wolken Seilziehen zu spielen: Sieg und Niederlage sind nichts Endgültiges, trotzdem weinen wir vor Freude, wenn wir gewinnen, und vor Schmerz, wenn wir verlieren - wie dumm!
Die Substanzlosigkeit, die jenseits von Sieg und Niederlage liegt, ist die wahre Gestalt aller Phänomene. Buddha (hotoke) ist einer, der das Verworrene entzwirnt (hodoku).

Ein Mensch, der die Dinge versteht, ist einer, der sich nicht von Fabrikationen und vom Karma in die Irre führen läßt.
Menschen, die die Dinge nicht verstehen, sind ständig auf der Suche nach Zerstreuung: Mal verlieben sie sich, mal besaufen sie sich, mal widmen sie sich ihrer Lektüre, mal treiben sie ihren Sport. Doch alles nur halbherzig, um sich irgendwie selbst an der Nase herumzuführen.
Wenn wir unser tägliches Leben damit verbringen, uns auf so halbherzige Weise selbst etwas vorzuspielen, dann leben wir ein Leben, das abgehoben von der Realität ist. Das bedeutet, dass wir uns schwankenden Schrittes auf Irrwege begeben. Alle Nationen der Welt wissen weder ein noch aus vor Langeweile, deshalb heißt es dann: "Augen links! Augen rechts! Im Gleichschritt marsch!" Und wieder sind die Kinder am Streiten um ihr Spielzeug.
Das ganze Leben über schnauft der Mensch erschöpft, dabei weiß er noch nicht einmal, wofür er sich so verausgabt: Es kommt ihm nur so vor, als ob er ein Ziel hätte. Doch da ist überhaupt nichts: Nur das Grab wartet auf uns!
Gelassen sein können wir nur, wenn wir die Dinge verstehen. Wenn wir die Dinge verstehen, sehen wir das Universum mit einem Blick, und die Nat zwischen uns und dem Universum verschwindet.

Wir wurden geboren, ohne zu denken.

Wir sind einfach nur geboren worden, und wir werden einfach nur sterben. Doch du fragst nach dem Sinn des Lebens... Du fragst, was dir Zazen bringt... Dabei hättest du kein Recht, dich zu beschweren, wenn du voriges Jahr bereits gestorben wärst.
Ist es nicht im vornherein klar, dass das Leben nichts "bringt"? Es ist nur ein Kommen und Gehen, das ist alles. Dein Problem ist, dass du etwas in deiner Brust herumträgst, das das nicht akzeptieren will.

So wie die Insekten, die in ihrem Glaskasten vom Insektologen beobachtet werden, wie sie ihr Futter oder sich gegenseitig fressen, sich paaren oder vor sich hinzirpen, so werden auch wir bei allem was wir tun von der Realität ins Auge genommen.


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